Gamification: Mit Narrativen Innovation schaffen

Dichtung und Wahrheit in der Basar-Community

Narrative bilden in der Basar-Community des Internets Organisation und Orientierung. Als self-fulfilling prohpesy entwerfen sie ein Innovationsprojekt zur Zukunftsgestaltung. Mit Gamification werden Menschengruppen zum Kaufen, Lernen, Sozialisieren und Mobben animiert. Aber wer entscheidet, was PR-Gag, was Fake News, was Innovationswunder und was heimtückische Sabotage ist?

Content-Flut, hybride Bedrohung, Social Engineering und digitales Nudging sind negative Schlagworte, die die liquide Kommunikation des Internets beschreiben. Das World Wide Web, das einst freies Wissen für alle versprach, scheint zum Werkzeug mächtiger Manipulatoren zu werden. Mit Methoden wie Astroturfing und „Integrity Initiatives“ delegieren Interessengruppen eine gelenkte Demokratie im Kampf um die diskursive Deutungshoheit. Hat die Wahrheit ausgespielt?

Fakt ist: Objektive Wahrheit ist ein Mythos der Theorie. Auch wenn Kirchen, Wissenschaften, Nationalstaaten oder Verschwörungsanhänger sie für sich beanspruchen, ist objektivierbare Wahrheit immer ein zeitlich begrenzter gesellschaftlicher Konsens einer homogenen Mehrheit. Damit eine Anpassung der Wahrheit an reale Gegebenheiten der sich ändernden Umwelt ohne Systemumsturz stattfinden kann, haben pluralistische Gesellschaften sich das Prinzip der demokratischen Toleranzgesellschaft ausgedacht: auch nicht konsensfähigen Minderheiten wird die freie Äußerung ihrer Überlegungen ermöglicht. 

Identifikation durch Narrativ-Codes und Leitmotive

Narrative konstruieren durch Storytelling Leitmotive und Subtexte, die mit der faktischen Wahrheit interagieren. Dadurch wird pluralistischer Austausch entgegengesetzter Meinungen auf einer Meta-Ebene möglich. Pluralistische Diskurse haben neben der gesetzlich geforderten Berücksichtigung von gleichen Rechten den Vorteil, dass progressive Meinungen schneller den Weg in die Mitte des Diskurses schaffen. Das treibt Innovation voran, setzt aber mündige Bürger voraus, die konstruktiv und souverän in der digitalen Öffentlichkeit kommunizieren.

Unterschiedliche Perspektiven konträrer Interessengruppen ermöglichen einen dialektischen Diskurs, der über die Medien ausgetragen wird. Denn konsensfähige Wahrheit kommt nicht aus dem Nichts, sondern wird über einen längeren Zeitraum ausgehandelt. Dies passiert nicht immer reibungslos. Nur eine lebendige Streitkultur kann zum Kern der psychologischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen von potentiellem identitären Gruppenkonsens führen. Narrative greifen diese Reibungspunkte auf.

Wie verändert die liquide Kommunikation des Internets den gesellschaftlichen Diskurs? Das Ideal der sich selbst organisierenden Basar-Community ist ein offener Quellcode: unterschiedliche Narrativ-Codes entwickeln sich in Echtzeit transparent durch kollaborative Zusammenarbeit, ohne dass die Präsentation vorher von Medien-Autoritäten selektiert wird. Das Strukturprinzip verschiebt sich von der Kathedrale zum Basar – statt Top-Down-Hierarchie existiert ein simultanes Feld, das dezentrale Cluster bildet. Auch wenn die Realität von der Politik (NetzDG, Uploadfilter etc.) und Intelligent Design-Maßnahmen von Seiten der Betreiber großer Social Media-Plattformen reguliert wird, hat eine weitgehende Demokratisierung der Medien durch Social Media stattgefunden. Der Wandel der Öffentlichkeit und somit auch der Unternehmenszusammenarbeit zu einer digitalen, grenzüberschreitenden und multiphonen Agora, in der jeder sein Wörtchen zum Besten geben kann, ist nicht aufzuhalten.

„I think that the cutting edge of open-source software will belong to people who start from individual vision and brilliance, then amplify it through the effective construction of voluntary communities of interest.“ (Eric Steven Raymond: „The Cathedral and the Bazaar“)

Narrative und Gamification fördern Change-Prozesse

Das Feedback der Community entscheidet über Aufstieg und Fall von PR-Kampagnen und Kommunikations-Maßnahmen. Was können Unternehmen davon lernen? Narrative können Change-Prozesse unterstützten und Wissen in kondensierter und leicht zugänglicher Form an Stakeholder weitergeben. Im Produkt-Marketing, im Branding, in der Corporate Communication oder im Personalmanagement können Business-Narrative Innovationen fördern, Aufmerksamkeit generieren, das Engagement steigern, Konflikte lösen oder die Aktivität erhöhen.

Gamification durch Business Software bietet Werkzeuge, um Narrative praktisch zu integrieren. Um ein Narrativ medial umzusetzen, eignet sich ein Internetauftritt, eine Lernsimulation oder eine Spieleapp – je nach Kapazitäten und Bedarf des Unternehmens. Gamification bietet größtmögliche Freiheiten, ohne auf richtungsweisende Regeln zu verzichten: frei gestaltbare Ausführung bei eindeutiger und messbarer Zielvereinbarung, Anreize zur Partizipation durch kollektive Erfolgserlebnisse, regelmäßig informatives Feedback. Als innovative Lehr- und Lernmethode bietet Gamification gegenüber konventionellen Methoden größere Autonomie, nämlich die Freiheit zu scheitern, die Freiheit zu experimentieren, die Freiheit zu leisten und die Freiheit zur Selbstdarstellung (Weiterführende Infos hierzu bietet der Report „Gamification and the Future of Education“).

Sechs Merkmale content-basierter Gamification

  • Gut-gegen-Böse-Storyline

Ein klares Freund-Feind-Schema schafft ein personalisiertes Wir-Gefühl, stärkt den Gruppenzusammenhalt und gibt eine klare Richtung vor.

  • Virtueller Avatar mit Wiedererkennungswert

Ein persönlich gestaltbarer Avatar befriedigt das Bedürfnis nach Selbstdarstellung und spricht direkt die intrinsische Motivation an.

  • Uneingeschränkte Wiederholbarkeit

Wiederholt verfügbarer Zugang zum Narrativ-Medium und Platzierung von Narrativ-Elementen an Kunden/ Mitarbeiter-Touchpoints dienen der Festigung des Lerneffekts.

  • Transparenter Fortschrittsverlauf

Missionen, Quests, Ranglisten, Fortschritttsanzeigen, High Scores, Reputationen, Badges etc. triggern das Leistungsprinzip durch Wettbewerb und aktiveren die persönliche Selbstkontrolle.

  • Call-to-action

Identifizieren Sie die individuelle Kernherausforderung und ermöglichen Sie dem Mitarbeiter seinen „path to mastery“ durch sukzessives Ansteigen des Schwierigkeitsgrads.

  • Open-end oder Follow-Ups

Das Narrativ sollte offen für Weiterentwicklung sein. Als Follow-Ups eignen sich Newsletter oder Workshops. Weitere mögliche Maßnahmen sind ein Mentoring-Programm oder von den Kunden/ Mitarbeitern gestaltete Spin-Offs.

 

Dieser Artikel ist eine Umarbeitung eines Vortrags, den ich auf der Take Aware-Konferenz 2019 „Vom Teller-Wäscher zum Story Teller – Sensibilisieren durch Geschichten“ gehalten habe. Eine schriftliche Version davon ist im Take Aware Sec&Life Magazin 02 veröffentlicht.

Simone Belko interessiert sich für die Schnittstelle zwischen Industrie 4.0, Wissensgesellschaft und Politik. Die Sprach- und Europawissenschaftlerin arbeitete als Journalistin und PR-Managerin in internationalen Redaktionen und Organisationen wie dem Europäischen Parlament. Zuletzt war sie für das russische Unternehmen Mail.Ru Games als Projektleiterin tätig.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

#bethechange

Erreiche über 70.000 Leser und werde Teil der grössten Digitalisierungsiniatiave im DACH-Raum
Mehr Infos
close-link
GET FREE AUDIT