Digitale Ethik in Theorie und Praxis

Vertrauen und Integrität als Business-Modell - Ethik als Chance für Unternehmen

Digitale Ethik soll den Menschen eine Anleitung für moralische Entscheidungen in der global vernetzten Welt geben. Ein Handbuch, das Antworten auf alle Fragen der Digitalisierung liefert? Prima! Leider ist es nicht so einfach. Eigentlich soll die digitale Ethik genau das Gegenteil davon schaffen – sie soll mündige Unternehmen und Mitarbeiter erziehen, die in ihrer Verantwortung gestärkt werden, kritische Fragen an die Technologie und ihre Implementierung zu stellen, um daraus Regeln für eine faire Digitalisierung abzuleiten.

Technologie als Weltverbesserer oder Wertvernichter?

Was ist geblieben von den Träumen der vernetzten Sharing-Community, die durch disruptive Innovation die Welt zu einem besseren Ort machen wollte? Nach den Jahrzehnten gehypter Hoffnungen rund um den Cyberspace bestimmen Enttäuschungen über das „Broken Web“ die öffentliche Diskussion. Schutzmechanismen der realen Welt funktionieren nicht, die Gesellschaft radikalisiert sich in Echo-Kammern, die Tech-Branche leidet unter Vertrauensverlust. Die negativen Folgen der global agierenden Plattformökonomie lassen sich nicht verstecken: Anonymisierung der Arbeit, Verlust von Arbeitsplätzen durch Automatisierung, Präkarisierung durch ausbeuterische Arbeitsbedingungen und Oligopol-Bildung stellen Politik und Wirtschaft vor neue Herausforderungen. Ängste und Sorgen über eine transhumanistische Zukunft machen sich breit, die menschliche Arbeitskraft (und den Menschen überhaupt) überflüssig machen und uns einen Feudalismus 2.0 bescheren will, in dem Geldeliten den demokratischen Rechtsstaat unterwandern.

Die Informationstechnologie hat Wissen in die entferntesten Winkel der Welt gebracht, aber auch zur Verbreitung von Desinformation und Machtasymmetrien beigetragen. Die Prosumer des Internets werden entmündigt, weil private Erlebnisse von Tech-Unternehmen als frei zugängliches Material definiert und in Produkte umgewandelt werden. Die allgegenwärtige Überwachungskultur macht das Recht auf Geheimnis zu einem sensiblen und äußerst angreifbaren Gut. Der Mensch bleibt auf der Strecke, weil er sich aus Bequemlichkeit den Maschinen bis in den letzten Winkel seiner Persönlichkeit anvertraut hat, die uns dafür mit Manipulation und Abhängigkeiten belohnen. Kritiker wie Tim Berners-Lee, Initiator des Contract for the Web oder Tristan Harris, Begründer der Time Well Spent-Bewegung und des Center for Humane Technology, fordern daher neue Regeln für Web-Technologien.

Digitale Ethik: Würde und Autonomie des Menschen schützen

Was macht ein Ethiker? Er befragt die zeitgenössischen Konventionen menschlichen Handelns nach individueller und sozialer Verträglichkeit, um Wege für ein gutes Leben aufzuzeigen. Fragen an das Handeln in der Digitalökonomie gibt es viele: Wie verändert die digitale Aufklärung das Verständnis von Privatheit? Wie kann man die Autonomie statt die Verwertung des Individuums sicherstellen? Inwieweit sind wir bereit, eine Datafizierung unseres Lebens zuzulassen, die uns zwar Vorteile in Lebensqualität und Komfort bietet, aber unsere Entscheidungsfreiheit einschränkt? 

Die digitale Ethik kreist dabei um ein philosophisches Grundproblem, das den modernen Menschen seit der Antike beschäftigt: Was ist wichtiger für das gute Leben – das Streben nach individuellem Glück oder die sittliche Pflicht? Oder etwas konkreter auf das Informationszeitalter bezogen ausgedrückt: wie können wir das Ideal einer dezentral organisierten, kollaborativen Wissensgesellschaft autonomer Individuen mit der Realität des kapitalistischen Überwachungsmanagements vereinbaren? Und was passiert, wenn man den Opt Out-Schalter drückt?

In der Praxis soll digitale Ethik einen Rahmen vorgeben, um Digitalisierung human zu gestalten. Denn es mangelt an wertebasierter Digitalkompetenz in Bildung und Unternehmen, an Ethics by Design-Geschäftsmodellen und an verbindlichen Kodizes für Big Data und KI. Richtungsweisende Wertelisten gibt es innerhalb der IT-Branche, der Wissenschaft und auf politischer Ebene. So haben zum Beispiel das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE), das Unternehmen Alphabet (Google) und die deutsche Gesellschaft für Informatik Kodizes, die Themen wie Sicherheit, Transparenz, soziale Verpflichtung, respektvolle und kompetente Weiterentwicklung der Technologie und eine allgemeine Rechenschaftspflicht (Accountability) in den Vordergrund stellen. Die „EU Guidelines for Trustworty AI“ betonen die menschliche Aufsichtspflicht, die technische Robustheit und die Rechtskonformität. Auch wenn die Kodizes unterschiedliche Gewichtungen vornehmen, ist allen gemeinsam, dass sie Technik nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel ansehen, das dem Menschen dienen soll.

Digitale Ethik geht von der Prämisse aus, dass die Würde des Menschen im Zentrum aller Überlegungen steht. Die 10 Gebote des deutschen Institut für digitale Ethik betonen den Selbstschutz des Individuums, das in den durchleuchteten Weiten datenhungriger Netzwerke lieber so wenig wie möglich von sich preisgeben und den Verlockungen der Technik kritisch begegnen sollte. Aber wird die individuelle Freiheit gewahrt, wenn man dem Transparenzzwang des Internets mit Verbergen begegnet? Oder ist es bereits eine normierende Selbstzensur, die das System der ständigen Überwachung erzeugt? Vorsicht ist richtig, aber sie darf nicht gegen den Wert des Vertrauens ausgespielt werden. Vertrauen aber kann nur geschaffen werden, indem mutige, selbstbewusste und digital mündige Menschen als Role Model vorangehen.

Digitale Mündigkeit stärkt individuelle Urteilskraft und Resilienz

Digitale Mündigkeit ist eine Einstellung, die erlernt werden muss: es ist ein lebenslanger Prozess der Selbsterkenntnis und -hinterfragung, um sich im digitalen Raum selbstbestimmt und entlang dem  Wissen um die eigenen Fähigkeiten, aber auch Grenzen weiterzuentwickeln. Digitale Mündigkeit ist sowohl der Wille zum praktischen Erlernen digitaler Kompetenzen als auch die Fähigkeit, in der digitalen Kommunikation andere Perspektiven als die eigene einzunehmen. Neben handwerklichen Fähigkeiten des souveränen Umgangs mit Hard- und Software sind dabei vor allem soziale, psychologische und kulturelle Kompetenzen notwendig. Was man dazu braucht, ist ein breites Allgemeinwissen, ein hoher Abstraktionsgrad im Denken und eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Dieses Meta-Lernen wiederum entwickelt die persönliche Identität und befähigt zu einer erhöhten Urteilskraft.

Blindes Vertrauen in die Macht der Maschinen ist genauso naiv wie kategorische Enthaltsamkeit. Digitale Technologien sind längst systemrelevant geworden und werden auf Regierungsebene, für kritische Sicherheitsinfrastruktur und in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens eingesetzt. Das Internet und die reale Welt sind spätestens mit dem Internet der Dinge keine getrennten Parallelwelten (mehr). Aber die Algorithmen, die über Gut und Böse entscheiden, sind den Nutzern vielfach nicht bekannt. Hinzu kommen die Problematik der Fehleranfälligkeit von Softwareprogrammen, die zu Sicherheitsausfällen, Diagnosefehlern und Bias wie Racial Profiling führen. Problematisch ist ebenfalls die oftmals mangelhafte Dokumentation von technologischen Entwicklungsprozessen, die selbst Entwicklerteams ihre System nicht 100% verstehen lässt. Hat der Mensch noch die Kontrolle oder leben wir in einer Black Box?

Digitale Mündigkeit heißt zu verstehen, dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt. Wir müssen mit Unsicherheiten, die in einer immer komplexeren Welt zunehmen, lernen zu leben. Vielmehr geht es darum, Resilienz gegen die Fremdbestimmung durch die Technologie zu entwickeln. Dies geht nur mit gesundem Misstrauen gegenüber den Verlockungen der digitalen Welt und Konzentration auf die Erhaltung des eigenen mentalen Gleichgewichts. Aus der Distanz betrachten ist dabei keine Option – man kommt nicht umhin, in die postmoderne Cyberwelt der Oberflächen einzutauchen, um deren Untiefen mit seinem ganzen Selbst phänomenologisch auszuloten.

Vertrauen gewinnen mit User Empowerment

Die Erkenntnis, dass jeder in ein potentiell manipulatives System eingebunden ist und das souveräne Ausüben von eigener Handlungsmacht müssen sich nicht ausschließen: Je mehr Wissen man über die psychologische Durchdringung durch die algorithmische Logik hat, desto besser kann man sie austricksen. Empowerment, dass heißt Selbstermächtigung gibt den Nutzern das Gefühl für die Verantwortung zurück, dass sie innerhalb des eigenen Entscheidungsspielraums Dinge bewirken können.

Gute Digitalisierung sollte statt Effizienzsteigerung am Mitarbeiter und fortschreitender Personalisierung am Kunden die Pflicht zu distanzwahrender und humaner Wertschöpfung auf der Basis von Verhältnismäßigkeit in den Vordergrund stellen. Im Bezug auf das Internet und Big Data bedeutet dies, dass nur durch die möglichst weitestgehende Autonomie (Datensouveränität) und den angemessenen Umgang mit der Ressource Mensch (Datensparsamkeit) Kunden und Bürger langfristig das Vertrauen zurückgewinnen können, dass die Digitalisierung nachhaltiges Wohlergehen fördert.

Psychologische Manipulation ist nicht notwendig, um ein Produkt zu verkaufen. Nachhaltige Werte zu schaffen statt schnelles Wachstum und kurzfristige Rendite zu generieren macht nicht nur Menschen glücklich, sondern sichert langfristig den Fortbestand des Unternehmens. Um echte Integrität zu erreichen, muss man Autonomie vorleben, statt es mit Command und Control zu erzwingen. Fortschritt soll den Menschen in seiner positiven Selbstwahrnehmung unterstützen anstatt ihn zu verwirren. Für die Entwickler technologischer Systeme bedeutet dass, dass sie „Mehrleistung unter der Bedingung der kontrollierten Entropieminimierung“ bieten müssen, wie Sarah Spiekermann es in ihrem aktuellen Buch Digitale Ethik – Ein Wertsystem für das 21. Jahrhundert formuliert.

4 Tipps für ethisches Design in der Web-Entwicklung

Compliance

Compliance hat nicht nur legale Gesichtspunkte im Blick, sondern auch die soziale Verantwortlichkeit der eigenen Produkte oder Dienstleistungen. Ethisches Design hält sich selbstverständlich an gesetzliche Vorgaben zum Schutz des Nutzers wie das „Privacy by Design“ der DSGVO. Es fokussiert darüber hinaus auf die Förderung der tieferen, sozialen Bedürfnisse des Kunden (Austausch, Information, Entertainment, Lernen, Entspannung etc.) statt sich einzig an den verkaufsfördernden Marketing-Vorgaben auszurichten. 

Entscheidungsfreiheit

Dass Klarheit, Einfachheit und intuitive Bedienung bei Web-Interfaces das Navigieren erleichtern, ist ein Allgemeinplatz. Aber oftmals wird die Ausrichtung an Handlungsimpulsen des Nutzers (Call-to-Action) mit geführter Handlung und Digital Nudging verwechselt. Durch übertriebenes Feedback in Form von Belohnungen werden falsche Anreize gesetzt. Addictive Design befördert Mehrkonsum, was zu Aufmerksamkeitsstörungen, Informationsüberlastung und Suchtzuständen führen kann. Sinnvoller ist es, die Balance und Fokussierung des Konsumenten über intrinsische Motivation zu fördern, damit seine Entscheidungsfreiheit gewahrt wird.

Emotionale Sicherheit

Eine ruhige, sichere Umgebung fördert Achtsamkeit und schafft emotionale Sicherheit, so dass der User Vertrauen aufbauen kann. Rhythmische Abläufe inklusive Pausen und eine authentische Lernumgebung tragen zu störreduzierter Erdung bei, die Konzentration und individuelle Mobilisierung begünstigen. Der Nutzer wird nicht von seiner eigentlichen Motivation abgelenkt und kann nachhaltige Zufriedenheit statt Befriedigung kurzlebiger Affekte erfahren. Dies gilt auch für die Gruppendynamik: statt durch status-orientierte Selbstdarstellung Anpassungsdruck aufzubauen, sollte man durch klar strukturierte und gut moderierte Kommunikationsräume ein Gefühl der kooperativen und harmonischen Zusammengehörigkeit vermitteln.

Kulturelle Vielfalt

Ein wichtiger Faktor ist die Anpassung von Web-Interfaces, Apps oder Online-Shops an regionale und kulturelle Besonderheiten. Im Vordergrund steht dabei die stärkere Ausrichtung von Design und Produktentwicklung an der Verschiedenheit von Communities, statt an einer künstlichen Homogenisierung, die die reale Welt nicht abbildet. Das Framing der eigenen Kultur entscheidet maßgeblich darüber, ob ein Kunde ein Produkt kauft. Durch Diversity im Design können Missverständnisse der Kunden durch Übersetzungsproblematiken vermieden und gleichzeitig eine stärke emotionale Bindung an das Produkt erreicht werden. Interkulturelles Lernen innerhalb der Organisation befördert außerdem Produktentwicklungen und das Verständnis fremder Märkte.

Die Sprach- und Europawissenschaftlerin Simone Belko interessiert sich für die Schnittstelle zwischen Industrie 4.0, Wissensgesellschaft und Politik. Ihre vielseitige Laufbahn führte sie als Croupier ins Kasino und als Journalistin, PR-Managerin und Sprachlektorin in internationale Redaktionen und Institutionen wie das Europäische Parlament. Als Projektleiterin in der Online Games Branche sammelte sie wertvolle Erfahrungen in der Software-Entwicklung und im Community Management.

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