Das Plenitude-Modell: der neue Reichtum heißt Zeit

Mehr Muße, mehr Spaß und mehr Effizienz bei der Arbeit durch Zeitwohlstand

Das Business-as-Usual-Modell hat ausgedient. Gravierende Umweltschäden, gesundheitsschädliche Produktionsbedingungen, erschöpfende Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die Fast-Fashion-Mode der Wegwerfgesellschaft sind längst zu teuer geworden. Sie gefährden nicht nur die Wirtschaft, sondern die Zukunft des Planeten. Überbevölkerung, Klimaerwärmung, extreme Ungleichheit und Armut zwingen zum schnellen Umdenken, wenn wir den Wohlstand postindustrieller Gesellschaften sichern wollen. Das Plenitude-Modell gibt Anlass zur Hoffnung auf einen soften Systemwandel. Besonders erfreulich ist, dass er bereits von einer steigenden Zahl von Menschen angewandt wird.

Jeder, der sich heute mit innovativen Arbeitswelten und kulturellem Wandel beschäftigt, kennt das Konzept von New Work. Denn der Trend zur sinnstiftenden Arbeit ist viel mehr als Work-Life-Balance. New Work bedeutet eine Revolution der Wirtschaftswelt, wie wir sie kennen. Es geht um die Befreiung der Gesellschaft aus fremdbestimmter lohnabhängiger Erwerbsarbeit, um stattdessen ein selbstgewähltes Leben mit eigenen Projekten zu ermöglichen. Es geht um den Übergang zu einem Slow Money-System, das den systemimmanenten renditegetriebenen Zwang zum Wachstum beendet. Die schöne neue Welt ist eine Vision aus Selbstversorgung, Berufung und Smart Technology, die sowohl das makroökonomische Gleichgewicht als auch Achtsamkeit gegenüber dem Glück des Menschen betont. 

Notwendig dafür sind eine neue Zeitkultur, die Diversifizierung der eigenen Tätigkeit zur Selbstversorgung und eine umweltbewusste Einstellung zum Konsum. Die US-amerikanische Soziologin Juliet B. Schor stellt in ihrem Buch Wahrer Wohlstand. Mit weniger Arbeit besser leben das Plenitude-Modell  (deutsch – Fülle, Volkommenheit) als Alternative zur Krise der auf extensivem Wachstum fixierten neoliberalen Wirtschaftspolitik vor. Laut Schor führt Plenitude zu einem emanzipierenden und entschleunigten Lebenstil. Er schenkt uns Zeitwohlstand und befreit uns von der psychisch und physisch belastenden Kombination aus Anreizen und Zwängen. die unser heutiges Arbeiten und Konsumieren bestimmen. Ist der Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft einfacher, als wir glauben?

Würdevolle Arbeit – Downshifting statt Downgrading

Eine Bewegung breitet sich aus, das sogenannte Downshifting – das freiwillige Aufgeben von Geld für mehr Zeit. Eltern mit kleinen und schulpflichtigen Kindern reduzieren Stunden, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Singles und lohnbeschäftigte Paare wollen im Job keine Überstunden mehr, weil sie ihre Zeit lieber mit Freizeit und Hobbys verbringen. Was die Wirtschaftswissenschaft lange annahm – dass der Mensch nach Maximierung seines Einkommens strebt – wird hier durch das Gegenteil bewiesen. Im Gegenteil belegen Forschungen, dass das materialistische Streben in vielen Ländern nachgelassen hat. Immer mehr Menschen verlassen die Tretmühle aus Wunsch nach Luxus, Statusdenken, Fixierung auf finanzielle Unabhängigkeit und Inkaufnahme langer Arbeitszeiten. Sie haben verstanden, dass Wohlbefinden nicht mit Wohlstand gleichzusetzen ist. Stattdessen verbringen sie ihre neu gewonnene Zeit in der Natur, mit Sport und Entspannung, pflegen soziale Kontakte, lernen neue Fähigkeiten oder engagieren sich in ehrenamtlichen Tätigkeiten. 

Dieser Entwicklung setzt dem Downgrading eine mündige und würdevolle Einstellung zur Arbeit und zum Leben entgegen. Denn Downgrading ist leider nach wie vor in vielen Unternehmensbereichen der Normalfall. Unter Downgrading wird die Zuweisung von unterfordernder Arbeit verstanden. Dieses im im Taylorismus systemimmanent: durch die fortschreitende Spezialisierung und Zergliederung der Arbeit in Untereinheiten verliert der Arbeitnehmer den Bezug zum großen Ganzen, was in einer Entfremdung der Arbeit resultiert. Mangelnde Motivation und Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz sind oftmals die Folge, bei gleichzeitiger Zunahme an Komplexität der Aufgaben. 

Im Zuge der Automatisierung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung wurde dieser Trend entgegen den Erwartungen verstärkt. Lager- und Supportmitarbeiter arbeiten im Akkord nach strikten Performance-Vorgaben, die automatisch kontrolliert werden – Anonymisierung der Arbeit und Leistungsdruck haben ihren traurigen Höhepunkt erreicht. Viele Geschäftsmodelle der Aufmerksamkeitsökonomie wie Social Media-Plattformen oder Internet-Verkaufsportale downgraden außerdem die Konsumenten, indem sie sie durch unethische Praktiken wie Additive Design triggern, mehr Zeit dort zu verbringen, mehr zu kaufen oder mehr von sich preis zugeben als sie eigentlich wollen. Dies führt nachweislich bei einigen Menschen zu Suchtverhalten, sozialen Störungen und im schlimmsten Fall zu Depressionen. Statt von Personalisierung und Kundenorientierung zu profitieren, verlieren sie sich im Zwang nach dauerhafter Selbstdarstellung oder im endlosen Schnäppchenvergleich.

Wohlbefinden durch bewussten Konsum, gelebte Solidarität und soziale Kooperation

Plenitude bedeutet einen erheblichen Wandel nicht nur im Denken, sondern im Tun. Angesichts steigender Immobilien- und Energiepreise und stagnierender Reallöhne fällt dies immer mehr Menschen aus der Mittelschicht nicht schwer. Teils aus Überzeugung, teils aus existentieller Not schließen sich Individuen zu Gemeinschaften zusammen, um die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Elemente dieses dezentralen Lebenstils sind regionale Sharing-Kulturen wie Gemeinschaftsgärten, Co-Housing, Co-Working-Spaces, gemeinsame Werkbänke, Kleiderbörsen, Slow Food-Gruppen, Ökodörfer, Transition Towns, mobile Schlachtereien, aber auch kreative Selbstversorgung wie Nutztierhaltung auf dem eigenen Grundstück, eigene Energiequellen wie Solarpaneele oder Windkraft oder simple Haushaltstätigkeiten wie das Anfertigen von Kleidung und Einwecken von Lebensmitteln für den eigenen Bedarf. Statt schnellem Verbrauch und Konsum von Energie und Industriegütern wird mehr Wert auf eigene Herstellung, Reparieren und nachhaltiges Recyclen von Produkten gelegt. 

Was unterscheidet Plenitude von dem traditionellen Wirtschaftsmodell? Plenitude setzt auf Nachhaltigkeit, Solidarität und soziale Kooperation im lokalen Bereich. Es geht von einer Postwachstumswelt aus, in der die Grenzen des Wachstums erreicht sind. Es folgt nicht mehr dem klassischen ökonomischen linearen Beziehungsmodell, sondern systemdynamischen Erkenntnissen, die besagen, dass die Welt chaotisch reagiert, mit Schwellenwerten und tipping points. Es zieht die Rückkopplungseffekte der Klimadestabilisierung in Betracht. Statt sich optimistisch darauf zu verlassen, dass der Markt durch Innovationen die Umweltproblematik von allein erledigt, verlangt das Plenitude-Modell das Eingeständnis der ökologischen Übernutzung und entsprechend eine andere Art der Produktion.

Damit ist das Plenitude-Modell der Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie ähnlich, die ein alternatives Wirtschaftsmodell darstellt, dass in den 1990er Jahren in Deutschland aufkam und an Anhängern gewinnt. Die Gemeinwohlökonomie versteht sich als ethisches Modell, dass Menschenwürde und Gerechtigkeit in den Fokus bringt. Im Gegensatz zur Gemeinwohl-Ökonomie ist Plenitude allerdings weniger werteideologisch orientiert. Es setzt eher auf intelligente Praktiken, ohne dabei eine Rückkehr zur einer prämodernen Gesellschaft zu fordern. Statt Konsumverweigerung soll die Sharing-Ökonomie der Information eine effizientere Konsumkultur erzeugen, die den optimalen Produktionsmaßstab verkleinert.

„Das Pendel schwingt zurück, und Plenitude ist eine Synthese aus Prä- und Postmoderne. Aus der ersteren übernimmt sie die Vision des geschickten Handwerkers, der sowohl für den eigenen Bedarf als auch für den Markt produziert. (…) Aus der postmodernen Epoche kommen die hoch entwickelte Technologie und das smarte, ökologisch sparsame Design dazu. Es ist eine perfekte Synthese: Die Technologie macht die beschwerliche Plackerei der prä-industriellen Ära überflüssig, und die handwerkliche Arbeit verhindert die Entfremdung der modernen Fabrik- und Büroarbeit.“ (Schor, Juliet B.: „Wahrer Wohlstand. Mit weniger Arbeit besser leben“)

Fazit

Der Übergang zur Selbstversorgung, unterstützt durch innovative Technologien, kann zur Win-Win-Situation werden. Wenn in der Bevölkerung mithilfe von Open-Source-Systemen und eigener Anschauung neue Fertigkeiten geschaffen werden, kann das unternehmerische Aktivitäten stimulieren, die in der wissensintensiven Wirtschaft des 21. Jahrhunderts notwendig sind. Der grüne Sektor, der sich im Aufschwung befindet, wird unterstützt, Kenntnisse zur Permakultur, biodynamische Landwirtschaft und alternativen Bauverfahren werden verbreitet. Qualitätsverluste z. B. bei Nahrung und Kleidung, die sich durch expansives Outsourcing und Kostensparen ergeben haben, werden durch spezialisierte heimische Produktion aufgehoben. 

Die Menschen gewinnen neue Freiheiten, ohne auf lieb gewonnene Annehmlichkeiten verzichten zu müssen. Nachhaltiger Konsum wird durch Slow Spending, multifunktionelle Produkte und Maßanfertigung vorangetrieben. Durch eine Reduzierung von Arbeitszeiten im Job würde das Leben vieler Menschen verbessert und einer strukturellen Arbeitslosigkeit vorgebeugt. Gleichzeitig können Gewinne in Bereichen unbezahlter Arbeit wir Pflege von Kindern und Angehörigen, Ehrenamt und Investitionen in die eigene Gesundheit entstehen.

Sprach- und Europawissenschaftlerin Simone Belko engagiert sich für digitale Mündigkeit in einer vernetzten Wissensgesellschaft. Nach Stationen als PR-Managerin, Journalistin und Sprachlektorin gelangte sie in die Online Games Branche, wo sie Lokalisierung und Community Management internationaler Produkte leitete. Aktuell ist sie bei FINEXITY für Customer Experience und Kommunikation zuständig.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

MoreThanDigital Newsletter
Subscribe
Join the #bethechange community
close-image