Partnerschaft und Vertrauen – Blockchain@Sartorius Stedim

Praxisbeispiel der Blockchain in der Supply Chain

Es können nicht viele Unternehmen von sich behaupten, dass sie einen PoC auf Basis der Blockchain-Technologie erfolgreich abgeschlossen haben. Noch weniger Unternehmen können von einem Anwendungsfall berichten, der tatsächlich produktiv genutzt wird. Sartorius Stedim Biotech S.A. (SSB) bietet allen die Stirn und etabliert sich damit als absoluter Vorreiter. Seit Beginn 2019 wird die Blockchain-Technologie erfolgreich im Tagesgeschäft eingesetzt.

Der Sartorius-Konzern ist ein international führender Pharma- und Laborzulieferer mit den beiden Sparten Bioprocess Solutions und Lab Products & Services. Bioprocess Solutions trägt mit einem breiten Produktportfolio mit Fokus auf Einweg-Lösungen dazu bei, dass Biotech-Medikamente und Impfstoffe sicher und effizient hergestellt werden. Die Produkte, die SSB entwickelt und herstellt unterliegen dabei strengen Regularien. Über das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk müssen Qualitätszertifikate der verbauten Produkte und Materialien nachgewiesen werden.

Mitte 2018 entschloss sich SSB mit der Initiierung eines Blockchain-Pilotprojektes im Bereich Supply Chain. Mit der Initiierung dieses Projektes sind zunächst verschiedene inhaltliche Ziele im Bereich der qualitativen Prozessabsicherung verfolgt worden:

  • Eliminierung von (manuellen) Fehlerquellen durch unternehmensübergreifend vorhandene Medienbrüche in der Zertifikatserstellung und -übermittlung
  • Abbilden eines analogen Prozesses in einer digitalen Umgebung
  • Aufbrechen von Unternehmensgrenzen und somit Förderung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Partnern entlang der Lieferkette

Zusätzlich sollen auch Erfahrungswerte im Bereich neuer, innovativer (Blockchain-)Technologien gesammelt werden. Dabei hat sich die SBB zunächst für die Etherium-Technologie und die Arbeit mit Smart Contracts entschieden. Mit diesen Erfahrungen der Prozessdigitalisierung wird zukünftig ein gemeinsamer Standard innerhalb der Wertschöpfungsnetzwerke schaffen werden.

Als weitere Zielstellung sollen zusätzlich die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie in Verbindung mit der effizienten Abbildung der Zertifikatskette anhand einer konkreten Lieferkette von tier 5 bis zum Endkunden SSB evaluiert werden.

 

Der Prozess

Bedingt durch enge Zusammenarbeit in den Liefernetzwerken entstand der Bedarf nach einer geeigneten und leistungsstarken, globalen Lösung, die über die Unternehmensgrenzen und unabhängig von unternehmensinternen Prozessen und IT-Systemen den Unternehmen ermöglicht, zusammenzuarbeiten. Diese Lösung musste folgenden allgemeinen Anforderungen genügen:

  • Kein Intermediär als „Lösungsanbieter“
  • Datenhoheit bleibt beim Dateneigentümer
  • Daten sind in Echtzeit verfügbar
  • Manipulationssichere Dokumentation von Daten und Informationen
  • Keine Abhängigkeit vom Digitalisierungsgrad der teilnehmenden Unternehmen (Zugang über API, Browser, Mobile App)
  • Offene Skalierung der Teilnehmer
  • Einfacher Zugang zum Netzwerk für alle bestehenden und weiteren Unternehmen, die daran teilhaben wollen
  • Stärkung der Zusammenarbit und des Vertrauens innerhalb des Wertschöpfungsnetzwerks ohne in die Prozesse und IT-Landschaften der einzelnen Partner einzugreifen

Diese allgemeinen Anforderungen ist unter den aktuellen Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologie ausschließlich mit der Blockchain-Technologie zu realisieren. Bei der Umsetzung des Anwendungsfalls konzentrierte sich das Projektteam zunächst auf die Dokumentation von Qualitätszertifikaten entlang produktkritischer Lieferketten.

Die Zulieferer innerhalb der SSB -Wertschöpfungskette legen somit relevante Dokumente und Informationen zur Zertifizierung von Zulieferteilen selbstständig in Smart Contracts ab. Diese Dokumente werden an den jeweils nächsten in der Kette weitergegeben. Zusätzlich können in jeder Stufe weitere Zertifikate in separaten Smart Contracts abgelegt werden.

Partnerschaft und Vertrauen - Blockchain@Sartorius Stedim 1

Zertifikatskette
Konzept Zertifikatskette entlang einer n-tier Supply Chain

Auf vorhandene Unterzertifikate wird referenziert. Somit entsteht eine Baumstruktur aus referenzierten Verträgen über das gesamte n-tier Lieferantennetzwerk. Jedem Prozess-Beteiligten steht in Echtzeit immer der aktuelle Informationsstand der jeweiligen n+1-tier Lieferantenstufe zur Verfügung.

 

Der Mehrwert des Projektes

Durch den hohen Grad der Digitalisierung wird der manuelle Aufwand der Dokumentenweitergabe reduziert. SSB erreicht mit diesem Projekt auf Basis des evan.network eine erhöhte Sichtbarkeit unternehmensübergreifender, relevanter Informationen, indem alle Beteiligten (je nach Rolle) eine Sicht auf die Daten haben. Weitere Mehrwerte sind zusätzlich:

  • Schnelle und einfache Reaktion bei individuellen Kundenwünschen
  • Schnellere Reaktion bei Rückmeldung auf Anfragen ausgelöst von Tier-n +1-Lieferanten
  • Rückverfolgbarkeit der Produktqualität bis zum Tier-n-Lieferanten
  • Absicherung in der korrekten Dokumentation des Qualitätsgrades von Rohstoffen und Kaufteilen
    • Standardisierte Möglichkeit zur Datenfreigabe über die gesamte Lieferkette
    • Geringes Verwechslungsrisiko in allen Phasen der Lieferkette (z. B. falsche Zuordnung von Artikel und Zertifikat)
  • Zeit- und Ressourcenersparnis in der Bearbeitung der täglichen Aufgaben
    • weniger Handhabungsaufwand (kein manuelles Scannen, Archivieren, Teilen usw.)
    • Vermeidung von zeitraubenden Recherchen über mehrere Parteien hinweg

Durch diese qualitative Absicherung der Produktionsprozesse wird ein erheblicher Beitrag zur Absicherung qualitativ hochwertiger Produkte geleistet. Unabhängig von Digitalisierungsgrad ist es jedoch möglich, dass Unternehmen mit einer bestehenden IT-Infrastruktur sowie auch Unternehmen mit einer vielen manuellen Prozessen an diesem Netzwerk partizipieren können.

Des Mehrwert dieses Projektes und damit des nun im Unternehmen implementierten Prozesses hat Ende 2018 auch der BMÖ erkannt und SSB mit dem Austrian Supply Excellence & Einkauf 4.0 Award 2018 in der Kategorie Einkauf 4.0 / Industrie 4.0 ausgezeichnet.

 

Der Ausblick

Zukünftig können innerhalb der Smart Contracts weitere Prozesslogiken (Erhebung von Kennzahlen, automatische Trigger, um weitere Prozesse auszulösen etc.) abgebildet werden. Eine Integration der bestehenden (ERP-)Systeme ist über Standardschnittstellen ohne weiteres möglich. Somit wird ein höherer Automatisierungsgrad im Prozess erreicht. Auch kann dieser Anwendungsfall genutzt werden, um im Bereich Social Responsibility weitere Nachweise (Umweltzertifikate, Ausschluss von Kinderarbeit etc.) entlang des n-tier Lieferantennetzwerkes unternehmensübergreifend und manipulationssicher zu dokumentieren. Durch dieses Vorgehen soll die Zusammenarbeit im Wertschöpfungsnetzwerk gestärkt werden.

 

Fazit

Fakt ist, ein solches Netzwerk beruht auf einer echten Partnerschaft und auf Vertrauen. Auf der einen Seite öffnen sich die Unternehmen, um auf der anderen Seite gemeinsame und unternehmensspezifische Benefits zu generieren. Damit wird die Qualität einer Zusammenarbeit auf eine neue Ebene gehoben. Auf Folien geschriebene Floskeln von Vertrauen und Partnerschaft sollten in Zukunft langsam verschwinden und sich mit wirklichem Inhalt füllen!

 

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Anja Wilde sucht immer nach neuen Lösungen im digitalen Umfeld, um Prozesse smarter und effizienter zu gestalten. Sie ist Dozentin an der Akademie des BMÖ und unterstützt Unternehmen bei Digitalisierungsprojekten auf Basis der Blockchain Technologie im evan.network. Erfahrungen sammelte sie in der Vergangenheit auch in den Bereichen Lieferanten- und Risikomanagement, Data Mining und KI.

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