Neue Mobilitätskonzepte – Wie gemeinsame, dezentrale Ökosysteme entstehen

Mobility as a Service (Maas) ermöglichen durch die Verbindung von verschiedenen Stakeholern

Die Kombination aus aktuellen Infrastrukturproblemen, sich ändernden Werten und Einstellungen in der Gesellschaft (Gesundheit, Umwelt und Nachhaltigkeit) und völlig neuen Technologien ist der Katalysator für neue Mobilitätskonzepte. Dabei wird der Fokus stärker auf den zurückzulegenden Weg gelegt, ohne an die zu nutzenden Verkehrsmittel selbst zu denken. Die Vielfalt der Verkehrsmittel dient somit nur noch dem Zweck, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. In Zukunft wird es keine Rolle mehr spielen, wer der Hersteller eines (autonomen) Fahrzeugs oder der Betreiber eines Leihfahrradservices ist.

Mobility as a Service (MaaS)

„Die jungen Menschen verlieren die Lust am eigenen Auto“ bestätigen inzwischen inzwischen immer mehr Autoexperten und unabhängige Studien [1,2,3,4]. Zukünftig wird es immer wichtiger, flexible Mobilitätskonzepte (Auto, Fahrrad, Bahn, Bus) miteinander zu verknüpfen. Dafür ist es jedoch notwendig, dass die einzelnen Verkehrsmittel als Prozessteilnehmer miteinander interagieren können. Somit kann beispielsweise eine flexible Verfügbarkeit der einzelnen Verkehrsmittel entlang einer gewünschten Mobilitätsroute generiert werden, ohne die einzelnen Verkehrsmittel separat abfragen zu müssen. Diese zukünftige Entwicklung wird auch als Mobility as a Service (MaaS) bezeichnet. Im Rahmen von MaaS sind alle beteiligten Partner (Unternehmen, Versicherungen, öffentliche Verkehrsbetriebe u.v.m.) direkt in Mobilitätsprozesse eingebunden und interagieren digital miteinander.

Doch genau an diesem Punkt stellt sich die entscheidende Frage:

Auf welcher technischen Basis können gemeinsame MaaS-Konzepte der Zukunft umgesetzt werden?

Dabei gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Eine Möglichkeit ist, dass ähnlich wie im B2C-Handelsmarkt mit Amazon Schlüsselunternehmen entstehen, die eine dominante Stellung einnehmen und am Ende zentrale Marktplätze schaffen. Die andere Möglichkeit ist, dass sich verschiedene Mobilitätsanbieter zusammenschließen, um eine gemeinsame, offene Mobilitätsplattform auf Basis dezentraler Technologien zu schaffen. Um zu entscheiden, welche der beiden Optionen die bessere ist, ist es sinnvoll, sich mit den grundlegenden Anforderungen von Mobility-Lösungen zu befassen. Dabei werden folgende Anforderungen gestellt:

  • Fortbewegungsmittel jeder Art (z.B. öffentliche Fahrzeuge oder auch über Sharingkonzepte) werden als vollwertige Teilnehmer an Mobilitätsprozessen integriert.
  • Die Fortbewegungsmittel sind als digitale Zwillinge in einer Mobilitätsplattform identifizierbar.
  • Ein gemeinsamer Standard für digitale Zwillinge, der im Vorfeld im Rahmen eines Mobilitätskonzepts definiert wird, gibt allen Mobilitätsanbietern die Möglichkeit, auf Informationen im digitalen Zwilling zuzugreifen.
  • Eine Mobilitätsplattform der Zukunft muss zuverlässige IoT-Verbindungen zu Fahrzeugen oder Maschinen aller Art anbieten, um Daten auszutauschen.
  • Ein vertrauensvoller Datenaustausch (Transaktion) zwischen bisher unbekannten Partnern muss ermöglicht werden.
  • Um Hacks und Betrug zu vermeiden muss eine größtmögliche Datensicherheit in Bezug auf geteilte und nicht geteilte Daten gewährleistet sein.
  • Sowohl Kunden als auch Unternehmen wollen mehr denn je ihre Souveränität über ihre eigenen Daten behalten. Eine Mobilitätsplattform darf somit nicht einem Intermediär zugehörig sein. Somit entfällt die eingangs genannte Möglichkeit zum Aufbau von zentralen Marktplätzen, die von dominierenden Schlüsselunternehmen (Intermediär) verwaltet werden.
  • In den Mobilitätskonzepten der Zukunft wird alles miteinander verbunden sein. Die gemeinsame Betriebsplattform eines MaaS-Konzeptes muss daher vollständig offen und skalierbar für jede Art von unterschiedlicher Software (z.B. Cloud, eigene Datenbank) sein. Skalierbarkeit heißt dabei besonders, dass es keine Medienbrücke gibt.
  • Um neue, effiziente Geschäftsmodelle im Rahmen der Mobilität zu ermöglichen, muss die Mehrheit aller Prozesse vollständig digital sein.
  • Einem Nutzer muss es ermöglicht werden, dass dieser mit einer persönlichen und einzigartigen digitalen Identität eine Vielzahl von Diensten über verschiedene Anbieter und Lösungen hinweg nutzen kann. Heutige Systemgrenzen werden somit aufgehoben.

Bei einer Analyse der Anforderungen an die Mobilitätsnetze der Zukunft, so wird schnell klar, dass nur eine dezentrale Basistechnologie diese Anforderungen vollständig erfüllt: die Blockchain-Technologie. Eine dezentrale Mobilitätsplattform zeichnet sich durch eine dezentrale technische Basis sowie ein neutrales, anbieterübergreifendes Mobilitätsnetzwerk aus, das aus verschiedenen Anwendungen verschiedener Anbieter besteht. Eine solche Plattform ermöglicht den Informationsaustausch, ohne die Souveränität über Ihre Daten an einen Intermediär eines zentralen Marktplatzes zu verlieren.

Ein neutrales Mobilitätsnetzwerk, das sich für flexible Mobilitätslösungen eignet, besteht aus vier verschiedenen Hauptkomponenten:

Mobility as a Service - MaaS Overview
Neutrales Mobilitätskonzept auf Basis von Netzwerken verschiedener Stakeholder

 

Neue Mobilitätskonzepte – Wie gemeinsame, dezentrale Ökosysteme entstehen 1

 1. Ein universeller, interoperabler und offener Standard auf Basis eines digitalen Zwillings für Fortbewegungsmittel

Die Grundlage für übergreifende Mobilitätslösungen, die ein benutzerfreundlicheres Reisen ermöglichen, sind digitale Zwillinge. Diese ermöglichen es den Fortbewegungsmitteln, vollwertige Prozessteilnehmer zu werden und autonome Entscheidungen zu treffen. Der digitale Zwilling eines Fahrzeugs erweist beispielsweise auf aktuelle Verfügbarkeitsinformationen.

2. Ein Blockchain-Ökosystem als gemeinsame, hochperformante und skalierbare, technische Betriebsplattform für einen Daten- und Informationsaustausch ohne Systemgrenzen

Die Blockchain-Technologie stellt die technische Basis für neutrale Mobilitätsnetze. Doch die optimale Betriebsplattform für ein neutrales Mobilitätsnetz ist weder eine private, noch eine öffentliche Blockchain. Private Blockchains stellen wiederum ein nicht gewolltes, zentrales System dar und öffentliche Blockchains sind zum einen zu langsam, zu teuer und nicht DSGVO-konform. Zum anderen verbrauchen öffentliche Blockchains auf Grund des komplexen Konsensalgorithmus sehr viel Energie und arbeiten damit nicht ressourcenschonend und nachhaltig. Die beste Lösung für eine nahtlose Mobilität ist eine Mischung aus den Vorteilen beider Blockchainmodelle in Form einer öffentlichen, konsorzialen Blockchain. Diese konsorziale Blockchain (public permissend Blockchain), bietet einer Vielzahl von Mobilitätsunternehmen und -organisationen die Möglichkeit, dass die Technische Lösung gemeinsam betrieben wird. Dies ist die Grundlage für eine echte Dezentralisierung und Datenhoheit auf der einen Seite und eine hohe Performance und DSGVO-Konformität auf der anderen Seite, die einen sicheren Datenaustausch zwischen verschiedenen Parteien ermöglicht. Die Offenheit solcher neutralen Netze ist auch die Grundlage für stadtübergreifende Mobilitätskonzepte, die die Zukunft der Smart Cities (digital vernetzte Stadt) bestimmen werden.

3. Identitäten für Benutzer, Dienstleister, Städte, Behörden sowie weiteren Stakeholdern

Alle an der Mobilitätslösung beteiligten Parteien, wie Fahrzeuge, Benutzer, Dienstleister, Behörden, Versicherungen usw. erhalten digitale Identitäten auf der Blockchain. Eine Identität gilt dann als bestätigt, wenn diese das Vertrauen unabhängiger Dritter Parteien auf Basis einer expliziten Überprüfung (z.B. durch Behörden, wie den Führerschein) oder das Vertrauen von Geschäftspartnern genießt (KYC – know your Costumer bzw. KCBP – know your Businesspartner). Diese digitalen Identitäten können von allen Mobilitätsdiensten innerhalb des Netzwerks verwendet werden, um Betrug und Missbrauch zu verhindern. Diese digitalen Identitäten sind die Grundlage für den zuverlässigen Austausch aller Daten in einem unternehmensübergreifenden MaaS-Netzwerk.

4. Individuelle Distributed Apps von verschiedenen Anbietern in verschiedenen neutralen Mobilitätsnetzwerken

Ein neutrales Mobilitätsnetzwerk der Zukunft wird durch seine absolute Offenheit definiert. Es liegt an jedem, dezentrale Anwendungen zu entwickeln und selbstständig zu entscheiden, für wen und in welcher Form sie eingesetzt werden dürfen. In Kombination mit den digitalen Identitäten und digitalen Zwillingen auf der Blockchain, die jeder Anwendungsanbieter nutzen kann, ergibt sich die Möglichkeit, ein völlig neues Mobilitätsnetzwerk über (Stadt-)grenzen hinweg und auf der ganzen Welt aufzubauen. In diesem dezentralen Mobilitätsnetzwerk bieten unterschiedliche Dienstleister ihren Service an, ohne von einem Intermediär abhängig zu sein. Auf der Grundlage eines solchen Netzwerks können Unternehmen Synergien nutzen und das Reisen für die Nutzer radikal vereinfachen.

Auch wenn die nahtlose Mobilität heute eine visionäre Lösung ist, ist es wichtig, die grundlegende Infrastruktur für eine dezentrale nahtlose Mobilität aufzubauen. Obwohl es um den Aufbau einer offenen Infrastruktur geht, werden die ersten Dienstleister einen Vorsprung bei der Gewinnung attraktiver Ballungsräume gewinnen und sich so eine starke Position in einem aufstrebenden Markt sichern. Es ist demnach sinnvoll eine gemeinsame, dezentrale digitale Infrastruktur aufzubauen, die auf den heutigen Sharing, Rental und Public Transport Lösungen basiert, um auf Basis dieses Status Quo in den nächsten Jahren Schritt für Schritt eine gemeinsame, nahtlose Mobilitätsinfrastruktur aufzubauen.

Der Blick in die Zukunft

Die Skalierung solcher Mobility-Konzepte geht inzwischen weit über die reine Mobilität hinaus. Ganz allgemein geht es um Shared-Services – unabhängig davon, was geteilt wird. Eine Vernetzung von unterschiedlichsten Dienstleistungen spielt dabei eine wesentliche Rolle. Die Vernetzung dieser Dienstleistungen muss dabei zwingend über technische Open Source-Protokolle stattfinden, damit die Vernetzung skaliert (Open Vendor). Die Blockchain Factory von Daimler FS stellte dafür ihre Vision von einem offenen, skalierbaren und vernetzten Ökosystem vor, ohne, dass sich Monopole bilden [5]. Dabei geht es nur im ersten Schritt um MaaS, jedoch im nächsten Schritt bereits um eine Smart City mit integrierten Share&Charge- sowie Smart Home-Konzepten.

 

Arbeiten unterschiedliche Partner zusammen muss jedoch noch etwas geklärt werden:

Wie sehen zukünftige (gemeinsame) Betreibermodelle sowie eine Governancestruktur aus? Ziel ist es dabei Netzwerkeffekte der Skalierbarkeit zu nutzen ohne einem Einzelnen (Intermediär) eine zu große Marktmacht zu geben. In diesem Rahmen sind noch einige Fragen offen, die es schnellstmöglich zu beantworten gilt. Beispiele dafür sind:

  • Welche Entscheidungen muss eine Organisation/Initiative treffen?
  • Werden gemeinsame Standards definiert?
  • Welche Rechte sollen von der Governancestruktur gehalten werden?
  • Wie wird mit einer Weiterentwicklung des Ökosystems (technisch und inhaltlich) umgegangen
  • Wer darf über Weiterentwicklungen entscheiden?
  • Wie wird über Weiterentwicklungen entschieden? (z.B. Voting Verfahren)

Auf dieser Basis können dann dezentrale Betreibermodelle aufgebaut werden, in denen sich die verschiedenen Partner des Ökosystems wiederfinden. Wie diese Betreibermodelle aussehen und wie sie gestaltet sind, wird Thema der kommenden Monate und vielleicht sogar Jahre sein.

Denn Fakt ist eins: Wo schlussendlich Geld verdient wird, muss vorher klar sein, wie und in welcher Form zusammengearbeitet und der Mehrwert für alle Beteiligten gehoben wird.

 

Quellen:

[1] http://auto-institut.de/index_htm_files/Pressemitteilung_Mobilitaet_Junge%20Generation.pdf

[2] https://carsharing.de/images/stories/pdf_dateien/ifmo_studie_mobilitaet_junger_menschen_im_wandel_111020.pdf

[3] https://www.zukunftsinstitut.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Auftragsstudien/ADAC_Mobilitaet2040_Zukunftsinstitut.pdf

[4] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_LK_Mobilitaet-und-Digitalisierung__Vier-Zukunftsszenarien_2017.pdf

[5] https://www.youtube.com/watch?v=IDdoRtALuww&list=WL&index=12&t=6s

 

Mehr zum Thema Blockchain, Smart Contracts und MaaS:

Blockchain – Die Zukunft mit digitalen Ketten besser verstehen

Blockchain – Möglichkeiten und Anwendungen der Technologie

Wofür kann ICH denn die Blockchain-Technologie nun nutzen?

Und hier für die Technik-Affinen:

https://evannetwork.github.io/tutorial/contacts.html

Anja Wilde sucht immer nach neuen Lösungen im digitalen Umfeld, um Prozesse smarter und effizienter zu gestalten. Sie ist Dozentin an der Akademie des BMÖ und unterstützt Unternehmen bei Digitalisierungsprojekten auf Basis der Blockchain Technologie im evan.network. Erfahrungen sammelte sie in der Vergangenheit auch in den Bereichen Lieferanten- und Risikomanagement, Data Mining und KI.

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