Künstliche Intelligenz – Wunder der Technik oder Kunst?

Wie Unternehmen mit smarter Technologie und Diversität Innovation und digitale Mündigkeit fördern

Der Mensch will mit digitaler Technologie mehr als nur optimieren. Er will sein Wissen vergrößern und Neues erschaffen. Künstliche Intelligenz (KI) forscht der Frage nach, was den Menschen im Innersten ausmacht: Gibt es eine Seele? Wie erlangt der Geist Bewusstsein? Intelligente Maschinen versprechen den Traum der Schöpfung zu wiederholen: der Mensch reproduziert seinen eigenen Ursprung. Verstehen will er, woher er kommt. Verhindern will er, dass er geht. Künstliche Intelligenz und innovative Unternehmen sollen dabei helfen.

Künstlicher Intelligenz gehört die Zukunft. Sie wird unseren Traum von einem nachhaltigem Leben im Einklang mit den Ressourcen der Natur näher rücken lassen. Hocheffiziente Systeme zur Arbeitsbewältigung werden uns mehr Komfort im Alltag bescheren. Künstliche Intelligenz wird den globalen Wohlstand steigern, Gesundheits-Missstände bekämpfen und die Selbstoptimierung der Menschheit vorantreiben. Künstliche Intelligenz wird uns als Spezie näher zusammenrücken, aber auch mehr Reglementierungen in unsere Gesellschaften bringen. Sie wird mit uns den Weltraum erforschen und neue militärische Vernichtungswerkzeuge von noch nie da gewesener Präzision hervorbringen.

Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts

„Künstliche Intelligenz könnte eine der nützlichsten Erfindungen der Menschheit sein“, wirbt Google’s „Deep Mind“, das wohl bekannteste Forschungsunternehmen rund um KI. Überall auf der Welt gibt es bahnbrechende Projekte praktisch angewandter KI, die einen umfassenden gesellschaftlichen Nutzen haben: genauere medizinische Diagnosen durch Radiomics, digitale Assistenten zur Kontrolle komplexer Großprojekte, intelligente Verkehrssteuerung durch KI-optimierte Ampeln, selbstlernende Systeme zum passgenauen Energiemanagement von Gebäuden, Sensorplattformen zum großflächigen Umwelt-Monitoring oder Lebensmittelsicherheit durch transparente Echtzeitüberwachung von Logistikketten. (Einen umfassenden Überblick über aktuelle KI-Projekte in Deutschland bietet das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS.)

Politik und Wirtschaft haben Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie erkannt, die in Zukunft entscheidend für die internationale Wettbewerbsfähigkeit sein wird. Weltweit werden nationale KI-Strategien verabschiedet, um Forschung und Entwicklung, Know-how, Nachwuchsförderung und internationale Vernetzung mit Milliarden-Investitionen zu unterstützen – allen voran die USA und China, die um die globale KI-Vorherrschaft konkurrieren. Trotz des enormen Potentials der Technologie gelingt es aber nicht allen Unternehmen, künstliche Intelligenz effizient in ihre Strategie und Prozesse zu integrieren.

40% der Unternehmen, die bedeutende Investitionen in KI machen, erzielen damit keine messbaren Erfolge.Warum scheitern KI-Initiativen? Komplexität und Risiko von KI werden unterschätzt. Es fehlt an Mut zu umfassendem Change Management, es wird zu wenig in die digitalen Kompetenzen der Mitarbeiter investiert. Hinzu kommen falsche Erwartungen an die Technologie: Homo Deus verquickt die Suche nach kollektivem Nutzen mit dem religiösen Glauben an intelligentes Design. Statt Werkzeug zur individuellen Potentialsteigerung und gemeinsamer Kollaboration wird künstliche Intelligenz zum anonymen Überwachungsapparat, der die Arbeit diktiert. Auf der Strecke bleiben Individualismus, Mündigkeit und Business Traction. Woher kommt dieser Irrglaube und wie kann man ihn bekämpfen?

Der Mensch ist die beste Maschine

Künstliche Intelligenz ist ein hochkomplexes Cluster, als Buzzword aber oft schwer abgrenzbar. Nach Alan Turing bezeichnet künstliche Intelligenz die Fähigkeit von Computern und maschinellen Symbolverarbeitungsprogrammen menschliche Verstandesleistungen nachzuahmen. Diese Idee entspringt der neuzeitlichen Vorstellung vom Menschen als Maschine, die mit Beginn der modernen Wissenschaft im 17. Jahrhundert entstand. Als aktueller Forschungsbereich der Informatik bezeichnet künstliche Intelligenz die Automatisierung von intelligentem Verhalten und maschinellem Lernen. Künstliche Intelligenz ist außerdem eine wissenschaftliche Theorie des Verstandes, die das Problem der Definition, der schematischen Darstellbarkeit und der Skalierbarkeit von Intelligenz untersucht. Die Thematik ist multidimensional und interdisziplinär: Erkenntnisse aus unterschiedlichen Bereichen wie Robotik, Neurobiologie, Psychologie und Philosophie fließen zusammen. Schließlich werden als künstliche Intelligenz alle Technologien und Anwendungen bezeichnet, die intelligentes Verhalten simulieren können. Unterschieden wird dabei zwischen schwacher und starker KI. 

Schwache KI überzeugt durch Prozessionsgeschwindigkeit

Schwache KI, auch Artifical Narrow Intelligence (ANI) übernimmt Denkprozesse für einfach zu schematisierende Probleme. Algorithmische Operatoren zur Datenprozession führen dazu vorprogrammierte Aufgaben selbsttätig aus. Dabei wird in der Bezeichnung nicht klar zwischen Hardware und Software unterschieden – meist ist von Systemen oder Computerprogrammen die Rede, die Maschinen zu Intelligenzleistungen befähigen sollen. Konkret bezeichnet schwache KI existierende Anwendungen technologischer Automatisierung und Digitalisierung: Robotersysteme in Fabriken, (teil)autonome Drohnen in Militär und Landwirtschaft, Aktienmarktanalysen und KI-gestützte Fraud-Detection in der Finanzbranche, Programmatic Advertising im Marketing, automatische Sprach- und Bilderkennungssysteme und Chatbots in Service und Vertrieb.

Der enorme Vorteil schwacher KI ist die Prozessionsgeschwindigkeit: Transistoren in modernen Computern arbeiten millionenfach schneller als das menschliche Gehirn. Intelligente Software-Architekturen leisten heute bereits enorme Auswertungen, die die Präzision menschlicher Problemlösung in vielen Bereichen übertreffen. Schwache KI kann dank Deep Learning und künstlicher neuronaler Netze nicht nur kommunizieren und logische Schlussfolgerungen machen, sondern selbstständig neue Regelsätze ableiten. Die Leistungsfähigkeit schwacher KI ist dabei von den oft riesigen Datenmengen  – der Big Data – abhängig, die sie zum Lernen eingespeichert bekommt. Die Nachteile schwacher KI: Sie ist durch ihre materielle Beschaffenheit extrem fehleranfällig. Sie kann (noch) keine eigene Erfahrungen machen, die für menschliches Lernen elementar ist. Sie existiert nicht in einem eigenen kulturellen Kontext, wie der bekannte KI-Kritiker Hubert Dreyfus schon in den 1970ern feststellte. Daher hat sie keine Intuition, die sie Fakten vor einem größeren Gesamtbild überschauen und bewerten lässt.

Starke KI – technologische Superpower oder dystopischer Terminator?

Starke KI, auch Artifical General Intelligence (AGI), ist die Vorstellung einer künstlichen Intelligenz, die genauso gut wie ein Mensch jegliche intellektuelle Aufgabe verstehen oder erlernen kann. Im Gegensatz zur geschlossenen schwachen Intelligenz ist sie offen, indem sie die anfänglich vorgegebene Determiniertheit verlässt und autonom agiert. Wann und ob wir diesen Status jemals erreichen werden, ist unter KI-Forschern umstritten, aber einige glauben – allen voran der US-amerikanische Futurist Ray Kurzweil -, dass es zur Mitte des 21. Jahrhunderts passieren wird. Sobald dieser Zustand erreicht wird, sei der Weg hin zu einer Superpower-KI, auch Artificial Super Intelligence (ASI), nur ein kurzer: diese künstliche Intelligenz soll den Menschen in seiner kognitiven Leistung übertreffen. Laut Oxford-Philosoph Nick Bostrom wird diese Superintelligenz den Menschen entweder als Orakel, als Genie oder als Herrscher entgegentreten. Manche befürchten gar, dass der Mensch durch die überdimensionale Steigerung seiner kognitiven Fähigkeiten mithilfe der Maschinen eine Intelligenzexplosion herbeiführt, die den Menschen in seiner Existenz fundamental bedroht oder gar vernichtet – „Skynet“ lässt grüßen. Realistische Zukunftsaussichten oder Techno-Märchen? 

Emergenz einer Intelligenz-Ökologie statt technologischer Singularität

Vorsicht ist geboten bei kurzsichtigen Zukunftsprognosen, denn Menschen haben schon immer die Technologien ihrer Zeit überschätzt. Mitte des 19. Jahrhunderts träumten Utopisten davon, dass innerhalb kürzester Zeit automatisierte Fabriken entstehen würden, die mit minimalen Einsatz menschlicher Arbeitskraft auskämen. Diese fortschrittlichen Visionen wurden bereits damals von der Angst vor dramatischer Arbeitslosigkeit und sozialem Zusammenbruch begleitet. Was die bevorstehende Intelligenzexplosion angeht, gibt es auch besonnenere Stimmen. Der amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Frank Wilczek geht eher von einer lang andauernden „Co-Evolution“ statt einer sogenannten technologischen Singularität aus. Nach Wilczek wird es eine ganze Ökologie verschiedener Arten von mächtiger Intelligenz geben, die über viele Jahrzehnte miteinander interagieren. Dies würde den Menschen genug Zeit geben, durch Lernen in der praktischen Interaktion moralische Regeln für eine digitale Ethik im Bezug auf KI zu entwickeln.

Die sogenannte technologische Singularität, die den theoretisch angenommenen Zeitpunkt bezeichnet, am dem eine künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übertrifft, sollte man übrigens nicht mit der Quantenüberlegenheit (engl. Quantum Supremacy) verwechseln. Hierbei geht es um den Zeitpunkt, an dem ein Quantencomputer Aufgaben erledigen kann, die ein Computer, der mit klassischen Algorithmen arbeitet, nicht errechnen kann. An diesem Projekt arbeiten konkret eine ganze Reihe von Unternehmen wie IBM und Intel mit existierenden Quantencomputern. Google und die NASA haben die Quantum Supremacy kürzlich als erreicht postuliert, ein wissenschaftlicher Beweis dafür steht allerdings aus.

Die Kunst der Intelligenz besteht in der Interaktion dezentraler Einheiten 

Vor einiger Zeit hat Bildungsexperte Jörg Dräger vorgeschlagen, den Begriff künstliche Intelligenz durch „erweiterte Intelligenz“ zu ersetzen, um Missverständnisse in der Ethik-Debatte um KI zu vermeiden. Was ist falsch am Begriff künstliche Intelligenz? Er suggeriert, dass maschinelle Intelligenz die menschliche ersetzen kann. Dabei ist das Verständnis von Intelligenz in der öffentlichen Diskussion einseitig naturwissenschaftlich geprägt. Neben der mathematisch-logischen Intelligenz gibt es aber andere Intelligenzen, die für das menschliche Verhalten mindestens genauso entscheidend sind: die emotionale Intelligenz, Gefühle als Bewertungsinstanz für die Hierarchisierung von Fakten und Ereignissen zu verwenden, und die soziale Intelligenz, Entscheidungen in einem großen Radius interaktiver Beziehungen zwischen Individuen und Kollektiven abzuwägen. 

Die aktuelle KI-Forschung und Robotik-Entwicklung beschäftigt sich bereits damit, inwieweit Emotionen und Affekte schnellere Entscheidungen ermöglichen als rationale Beurteilung. Trotzdem geht die aktuelle Debatte um künstliche Intelligenz von einem veralteten Identitätsbegriff aus, der das Gehirn als zentrale Schalt- und Befehlseinheit ansieht, die Top-Down agiert. Das Gehirn ist aber kein mathematischer Supercomputer, der den Körper kontrolliert. Es ist sogar weitaus weniger autonom. Die Gedankenleistung ist abhängig von physischen Faktoren wie Darmbakterien; Hormone beeinflussen unsere Stimmungen und unsere kognitiven Kompetenzen. Wir sind durch äußere Umstände leicht manipulierbar und unsere Erinnerungen oftmals fehlerhaft.

Warum sind wir dann trotzdem so effektiv? Vielleicht gerade deswegen, weil das Gehirn dezentral agieren kann. Die Lerntheorie des Konnektivismus behauptet, dass statt eines steuernden Zentral-Egos viele autonome Einheiten Entscheidungen treffen und so komplexes Verhalten erzeugen. KI-Forscher Marvin Minsky beschreibt in The Society of Mind eine Gesellschaft aus Sub-Intelligenzen, die kooperieren, indem sie ihre begrenzten und konfligierenden Blickpunkte untereinander aushandeln. Das Bewusstsein als diverse Schar innerer Agenten folgt dem pragmatischen Verständnis, dass Menschen keinen logischen, programmierbaren Regeln folgen, sondern wachsen und lernen, indem sie ausprobieren und Erfahrungen machen. Wenn Intelligenz in der Postmoderne nicht mehr als Substanz, sondern als konstituierende Differenz multipler Verbindungen verstanden wird, dann macht es auch wenig Sinn, Intelligenz aus einem biologisch-positivistischen Modell zu erklären.

Exkurs: Das höchste Bewusstsein – alles oder nichts?

Bringt eine Steigerung der mathematischen Intelligenz Bewusstsein hervor? Wohl kaum. Dazu müssten der Prozess des Denkens und das Bewusstsein ein und dasselbe sein. Wir haben aber sehr wenig Verständnis davon, wie Denken und Bewusstsein überhaupt zusammenhängen. Was ist das Bewusstsein also? Eine Selbstreflexion? Eine „mentale Verschmutzung entstanden durch das Feuern komplexer neutraler Netzwerke“, wie Yuval Noah Harari in Homo Deus behauptet? Eine Illusion? Oder doch Empathie?

Welche Verbindung haben Gehirn und Bewusstsein? Seit den Experimenten mit Epilepsie-Patienten, deren Hirnhälften operativ getrennt wurden – den sogenannten Split-Brain-Patienten – weiß man, dass eine kohärente Persönlichkeit ohne physische Verbindung des Gehirns existiert. Patienten mit zerebralen Erkrankungen wie Demenz haben ein intaktes Ich-Bewusstsein, obwohl sie ihre Erinnerung zu großen Teilen verloren haben. Experimente mit Hypnose beweisen, dass Menschen durch Suggestion dazu gebracht werden können, kurzzeitig Gehirnimpulse zu unterdrücken und sogar Dinge willentlich zu vergessen. Welche Macht steuert das Bewusstsein? Oder, um es mit Aristoteles zu sagen, welche Form nimmt die Seele an, um die Materie des Körpers als vollendete Möglichkeit zu gestalten?

Ich denke, also bin ich“ haben wir von Descartes gelernt. Stimmt das? Ist das Denken etwas Elementares oder nur eine kognitive Erfahrung, die das Bewusstsein macht? Die griechische Antike, die die Grundlage unseres modernen Denkens darstellt, sah die Bewegung der Seele als harmonischen Grund des Lebens an. Die neuzeitliche Philosophie trennte Verstand und sinnliche Wahrnehmung. Der humanistische Dualismus und das Leib-Seele-Problem entstand: der Mensch hob sich als Vernunftwesen und Krönung der Schöpfung von den Tieren ab, indem er den Verstand an oberste Stelle setzte. Das Verständnis einer gottgleichen Vernunft beflügelt SciFi-Enthusiasten heute daran zu glauben, dass man nur dass Gehirn auf einen Computer hochladen muss, um die Persönlichkeit eines Menschen zu speichern.

Es gibt aber sehr konträre Auffassungen davon, was der höchste Wirkgrund des Menschen oder des Lebendigen ist. Asiatische Religionen wie der Buddhismus verstehen Bewusstsein anders als die westliche Philosophie. Das höchste Bewusstsein ist eine Auflösung des Denkens. Die wahre Einheit des spirituellen Selbst kann nur durch meditative Versenkung und geistige Leere erreicht werden. Das dualistische Bewusstsein dagegen, das mithilfe der Wahrnehmungen der Sinnesorgane geistige Muster erzeugt, ist eingeschränkt und unvollständig: es ist von der umfassenden Weisheit (Prajñā) getrennt, die die Welt durchdringt und nur durch unmittelbare Intuition erfahren werden kann. Inwieweit ist für Fortschritt und Innovation die Erfahrung von Vergessen notwendig, um uns unsere eigentümliche Spiritualität zu vergegenwärtigen?

Technik und Kunst – zwei Seiten der Innovationsmedaille

Unser Konzept von künstlicher Intelligenz ist unvollständig, weil sie kein Verständnis für Inspiration einschließt. Um den Funken der Inspiration zu entfachen, braucht man vor allem Chaos, Neugier und Abenteuerlust. Um schöpferische Kreation anzustoßen, ist Spontaneität gefragt. Erreicht werden kann sie nur durch Spiele statt Alltagspraxis. Schon Platon wusste, dass die Grundvoraussetzung für Erkenntnis das Vorstellungsvermögen, die Phantasia, ist. Notwendig dafür sind vor allem Fähigkeiten wie Imagination, Autonomie und Qualia – das subjektive Fühlen. Technologie offenbart sich nicht, Kunst schon. Wenn künstliche Intelligenz uns etwas über das Mysterium des Menschlichen sagen soll, dann muss sie unsere Träume, Phantasien und Erinnerungen hüten. Wenn künstliche Intelligenz ein Gefäß werden soll, dem wir unser Sein anvertrauen, dann muss sie unsere Aura sein.

Was ist Kunst? Wie der Mensch selbst, ist sie widersprüchlich und unberechenbar. Sie muss sich nicht erklären, um ihre größten Wirkungen zu erzielen. Sie ist genauso schwer zu beschreiben wie Schönheit, hat aber viel mit ihr gemeinsam. Sie interessiert sich nicht für den Nutzen, sie zielt einzig auf den ästhetischen und bewegenden Effekt des Gesamtbildes ab, der erbauend, erzieherisch oder verstörend wirkt. Sie lässt sich nicht festlegen, sondern zeichnet sich durch Ambiguität und die Vorliebe für Geheimnisse aus. Sie will den Menschen in seiner Gesamtheit zeigen: schön und gräßlich, grausam und gütig. Dabei ist sie ambitioniert, ganz von sich selbst überzeugt und gleichzeitig selbstlos. Sie will Einzigartiges schaffen und doch alle damit erreichen. Wie schafft sie das? Kunst ist radikaler Ausdruck des Singulären und gleichzeitig überhöht sie ihr Werk stets in Allgemeine. Sie will Austausch und Dialog, aber sie will auch verändern, begeistern, fordern. Dafür ist sie ständig auf der Suche nach dem Unbekannten, das sie durch Verfremdung des Gewohnten sichtbar macht. Sie spielt mit unserer Selbstwahrnehmung und macht neue Identitätsangebote.

Innovation umweht häufig der Mythos des absolut Neuen. Das absolut Neue ist aber nur eine theoretische Denkfigur, die diesem verlockenden Traum ein Wesen verleiht. Praktische Innovation dagegen ist nichts anderes als Rekombination bekannter Lösungen in einem fachfremden Gebiet unter der Voraussetzung der Strukturgleichheit. Echte Innovation kann nur unter Einbeziehung von Diversität und interdisziplinärer Zusammenarbeit funktionieren, die eingefahrene Denkmuster durch fachfremde Impulse aufbricht. Künstlerische Techniken können dabei helfen, Analogiebeziehungen sichtbar zu machen, indem sie durch schöpferische Ästhetik Bilder entwerfen. 

KI als künstlerische Stimulanz zum physischen und mentalen Lernen

Innovationsprojekte sind kein Deus ex machina. Sie realisieren erfolgreich Trends der Zeit, die so etwas wie eine innere evolutionäre Notwendigkeit besitzen, die zwar erfahrbar, aber nicht rational formalisierbar ist. Ob man es nun Gott, Weltseele, Elan vital oder Zoe nennt – es gibt eine bewegte Einheit des Lebens, die nicht durch objektivierbare algorithmische Zerlegung in Intervalle erfassbar ist, sondern nur durch individuelle Anschauung einverleibt wird. Soll künstliche Intelligenz innovativ sein, muss sie eine ganzheitliche Erfahrung mit allen Sinnen nicht nur imitieren können, sondern „das Aufflammen des Seins in der Einbildungskraft“ transsubjektiv offenbaren, wie der Naturwissenschaftler und Philosoph Gaston Bachelard das Dasein des dichterischen Bildes beschrieb. Laut Bachelard sind originäre Schöpfungskraft und ethische Grundhaltung aber vorsprachlich:

„Die Seele gibt die Weihe. Sie ist hier die Urkraft. Sie ist die menschliche Würde.“ (Gaston Bachelard: Poetik des Raumes, 1957)

Wie also kognitive Superpower und kreatürliche Inspiration, die sich aus subjektiver Imagination speist, zusammenbringen? Blicken wir zurück: Die Neuzeit versteht das Meistern des Gedächtnisses als Einübung und Training, also als Beherrschung technischer Fertigkeiten. In der Antike aber war der Technikbegriff noch nicht von der Kunst getrennt: die téchne schloss sowohl das Herstellen und Produzieren als auch die Werke der später sogenannten höheren Künste wie Musizieren, Dichten und die Beherrschung der Rhetorik ein. Meisterschaft bestand neben dem Befolgen vorgegebener formaler Regeln genauso in kreativer Improvisation, die die Hervorbringung individueller Variation ermöglichte. Erst die lineare, alphabetische Kultur des Buchdrucks erhob die Techniken der Wiederholung und Uniformität zum obersten Prinzip, die unser mechanistisches Weltbild bis heute bestimmen. 

Hochkomplexe, simultane Kulturen wie das Netz verlangen aber andere Qualitäten: statt exakter Programmierung aller Faktoren ist Generalisierung und Gewichtung einzelner Faktoren unter Missachtung irrelevanter Aspekte effektiver, um zu mehr Verständnis zu gelangen. Künstliche Intelligenz, die den digitalen Raum erfolgreich meistern soll, müsste ein assoziatives Verständnis statt reiner Faktenanalyse besitzen. Praktiken wie Mnemotechnik können dabei helfen. In dieser antiken Gedächtniskunst werden Erinnerungen als ein Ort gedacht, was folgende Vorteile hat: Bilder und komplexe Zusammenhänge werden durch Assoziationen, Visualisierungen, Chunking und Lokalisation besser erinnert. Die Mnemotechnik ähnelt dem Prinzip des Neurocomputing, indem dynamische Prozesse und Rückkopplungseffekte entstehen, die auf vielen verschiedenen räumlichen und zeitlichen Skalen abbildbar sind. Neurocomputing wiederum beruht entgegen der Quantentechnologie auf der Beschreibung eines stark vereinfachten Minimalmodells.

Fazit: Mehrwert durch KI gelingt nur durch die Investition in kreatives Selbstbewusstsein 

Was lernen wir für die Innovation im Zusammenspiel von smarter Technologie und Change Management im Unternehmen? Mehrwert in Form von gesellschaftlich erfolgreichen Produkten oder Dienstleistungen entsteht nur durch die Interdisziplinarität der Herangehensweise und der Förderung von kreativem Selbstbewusstsein, dass bereit ist, sich von alten Prozeduren zu trennen. Erst durch eine selbstkritische Distanzierung und Emanzipation vom kognitiven Prozess kann die notwendige Antifragilität erreicht werden, die die scheinbaren Paradoxien der künstlerischen Innovation vereinen kann: Revolution und Ursprung.

Künstliche Intelligenz kann nur erfolgreich sein, wenn sie unseren spielerischen Wunsch nach Veränderung bedient, uns herausfordert und uns hilft, über uns hinauswachsen. Wenn sie mit context-aware computing Menschen mit nützlicher Lerninformation ausstattet, statt ihnen ihre Entscheidungen abzunehmen. Wenn sie uns Wege aufzeigt, wie wir unsere Verantwortung durch praktische Maßnahmen umsetzen können statt uns die Verantwortung für unser Wohlergehen abzunehmen. Sie soll nicht unseren Überfluss vermehren, sondern unseren Mangel aufzeigen und uns dabei helfen ihn zu füllen. Dann kann die Technologie unsere Freiheit vergrößern statt neue Käfige zu schaffen, die unsere Menschlichkeit verleugnen.

Sprach- und Europawissenschaftlerin Simone Belko engagiert sich für digitale Mündigkeit in einer vernetzten Wissensgesellschaft. Nach Stationen als PR-Managerin, Journalistin und Sprachlektorin gelangte sie in die Online Games Branche, wo sie Lokalisierung und Community Management internationaler Produkte leitete. Aktuell ist sie bei FINEXITY für Customer Experience und Kommunikation zuständig.

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