Digitale Identität – Turbo für digitale Ökosysteme

Digitalisierung der Verwaltung spart bis zu 2% des jährlichen Bruttoinlandproduktes (BIP) ein

Das Corona Virus (Covid-19) bestimmt unseren Alltag und hat die Welt mit einer unerwarteten Härte getroffen. Staaten haben grosse Hilfspakete lanciert, um Unternehmen vor dem Konkurs zu retten und die Wirtschaft vor einer länger andauernden Rezession zu bewahren. Die genauen Folgen sind heute noch nicht vollständig absehbar.

Die Corona Krise ist ein Weckruf, das Thema Digitalisierung endlich voranzutreiben. Gewinner in dieser schwierigen Zeit sind Unternehmen, welche kontinuierlich in Digitalisierung investiert haben. Online Shops (Amazon), Streaming Anbieter (Netflix) oder Kommunikations-/Kollaborationssanbieter (Microsoft Teams)  zeigen sehr hohe Wachstumszahlen. Über viele Jahre haben diese Firmen ihre digitalen Geschäftsmodelle aufgebaut und konsequent auf den Kunden ausgerichtet.

Störend ist aber, dass man für jede Plattform, App oder Service eine neue Registrierung durchführen bzw. ein neues Login erstellen muss. Dies zwingt den Nutzer eine Vielzahl von Logins/Passwörtern zu verwalten. Die Tech Giganten (Facebook, Google) bieten mit ihren einfachen Login Verfahren eine Registrierung auf einer Dritt-Plattform an. Der Nutzer spart zwar Zeit, weiss aber nicht, was mit seinen Daten geschieht.

Klein, aber oho

Im eGovernement Benchmark 2019 Bericht der EU sind die Vorreiter der Digitalisierung kleine Staaten wie  Estland, Österreich oder Malta.

Trust in Government - eGovernment Survey 2019
Abbildung: Trust in Governments – eGovernment Benchmark Results Quelle: eGovernment Benchmark 2019

Der digitale Reifegrad eines Landes wird entlang von 4 Dimensionen gemessen:

  1.  User-centricity (Nutzerfreundlichkeit): Verfügbarkeit von Online Services, Nutzbarkeit auf mobilen Geräten und Anwenderfreundlichkeit
  2.  Transparency: Transparenz über den Prozess der zu erbringenden Leistungen z.B. Zeitdauer, benötigte Daten etc.
  3. Cross-border mobility (grenzüberschreitende Mobilität): Anwendbarkeit der digitalen Services für Nutzer von anderen Ländern z.B. für Studium, bei Umzug etc.
  4. Key enablers (Basisdienste): elektronische Identifikation (E-ID), E-Dokumente, Digitale Post

Estland ist hier führend und hat bereits im Jahr 2002 eine digitale ID und digitale Unterschrift eingeführt. Mit dieser digitalen ID kann man sich im E-Banking authentifizieren, Verträge digital unterschreiben, Medikamente beziehen oder die Steuererklärung einreichen. Alle Einwohner von Estland verfügen über eine digitale ID, 99% des staatlichen Dienstleitungsangebotes ist online.

Die starke Ausrichtung auf Digitalisierung hat dem kleinen Estland mit 1.3 Mio. Einwohnern hohe Produktivitätsgewinne gebracht und enorme Kosten eingespart. Das Land hat 4 Unicorns (Taxify, Skype, Transferwise, Playtech) hervorgebracht und viele Startups siedeln sich dort an.  Ein Unternehmen ist innert wenigen Minuten und ein paar Clicks vollständig gegründet. Im Jahre 2012 war Estland auch das erste Land, welches die Blockchain-Technologie zur Überprüfung der Integrität von staatlichen Registern und Daten eingesetzt hat. Auf der Webseite e-Estonia finden sich viele interessante Informationen, wie sich Estland zur coolsten digitalen Gesellschaft entwickelt.

Schweiz – Zeit zum Handeln

Die Schweiz schneidet im obergenannten Benchmark Report der EU ungenügend ab. Grosser Aufholbedarf besteht, wie in früheren Berichten bereits bemängelt, bei den Basisdiensten (Key Enablers). Insbesondere beim Thema digitale Identität (E-ID) hinkt die Schweiz deutlich hinterher.

Es gibt 2 Kantone in der Schweiz, welche Pionierarbeit leisten und das Thema E-ID vorantreiben. Der Kanton Schaffhausen bietet seit 2018 eine E-ID an.  Damit lassen sich verschiedene Behördendienstleistungen nutzen und als Beispiel ein Betreibungsauszug via Smartphone bestellen. In die gleiche Richtung geht die Stadt Zug, welcher die digitale Identität auf Basis der Blockchain Technologie herausgibt. Jeder Bürger verwaltet seine Daten in einer App und die Einwohnerkontrolle beglaubigt die Daten. Das Ausleihen von Büchern ohne Bibliotheksausweis, ein Fahrradverleih oder Behördendienstleistungen sind Anwendungsbeispiele.

In der Vergangenheit bestand bereits die Absicht eine digitale Identität für die Schweiz einzuführen (SuisseID).  Jedoch konnte sich die SuisseID im Markt nie durchsetzen. Die Kosten waren zu hoch, und die gewünschte Zielgrösse von 300’000 Nutzern wurde verfehlt.

Im Jahre 2017 wurde das Vorhaben unter der Federführung der SwissSign Group als SwissID neu lanciert. Die SwissID ermöglicht mit einem einzigen Login den sicheren und einfachen Zugang zu vielen Online-Anwendungen. Über 1 Million Nutzer haben sich in der Schweiz bereits registriert. Die Initiative wird von verschiedenen Banken, Versicherungen, Krankenkassen, Post etc. unterstützt.

Die SwissID Initiative sieht vor, dass es eine Aufgabenteilung zwischen privaten Anbietern und dem Staat gibt. Die Herausgeber der E-ID erfolgt durch private Anbieter, sogenannten Identity Providern (idP). Der Staat übernimmt die Zertifizierung und Kontrolle.

Die politische Diskussion ist noch im Gange. Die Schweiz sollte jedoch nicht zu lange warten, sonst gerät sie noch stärker ins digitale Hinterland.

Vorteile einer digitalen Identität

1. Einfachheit

Wir sind abhängig vom Internet und nutzen täglich Online Dienste. Für den Nutzer geht hier schnell die Übersicht der vielen Zugangsdaten verloren. Eine digitale Identität vereinfacht die Verwaltung und ermöglicht dem Nutzer mit einem einzigen Login verschiedene Online-Dienste einfach zu nutzen.

Für die Anbieter eines Online-Dienstes hat dies ebenfalls Vorteile.  Der Nutzer oder potentielle Kunde ist über die digitale Identität bereits eindeutig identifiziert. So kann zum Beispiel bei einer Bank der digitale Onboarding Prozess von Neukunden deutlich vereinfacht werden. Der Eröffnungsprozess wird schneller, weniger fehlerhaft und kosteneffizienter. Dies schafft ein verbessertes Erlebnis für den Kunden und macht den Weg frei für die Kompetenz einer Bank, nämlich in der Beratung.

2. Sicherheit 

Der Erfolg für eine digitale Identität ist dann gegeben, wenn der Nutzer dieses Verfahren als absolut sicher einordnet. Der Staat gewährleistet dabei die Sicherheit der Daten. Daten dürfen nicht kommerziell genutzt oder an Dritte weitergegeben werden. Dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Login-Verfahren der grossen Tech-Giganten (Facebook, Google), wo in der Vergangenheit Datenmissbrauch stattgefunden hat.

Die gesetzlichen Grundlagen in der Schweiz wurden geschaffen und orientieren sich u.a. an der EU (eIDAS). Der Nutzer entscheidet, welche Daten für welchen Zweck weitergegeben werden.

Folgende 3 Sicherheitsstufen werden in der Schweiz unterschieden:

SicherheitsniveauSchutz

Personenidentifizierungsdaten

Authentifizierung

niedrig

Minderung der Gefahr von Identitätsmissbrauch und Identitätsveränderung

Für dieses Sicherheitsniveau enthält die E-ID die folgenden Daten:

  • E-ID-Registrierungsnummer
  • Name
  • Vorname
  • Geburtsdatum

Ein-Faktor-Authentifizierung (1FA) 

z.B. Passwort

substanziell 

 

hoher Schutz gegen Identitätsmissbrauch und Identitätsveränderung

 

zusätzlich

  • Geschlecht
  • Geburtsort
  • Staatsangehörigkeit

2-Faktor-Authentifizierung
(2FA)

z.B. Passwort & SMS

hoch 

höchstmöglicher Schutz gegen Identitätsmissbrauch und Identitätsveränderung.

 

zusätzlich

  • Gesichtbild
2-Faktor-Authentifizierung
(2FA) davon mindestens 1 Faktor biometrisch 

 

3. Effizienz

Eine digitale Identität gehört zur Infrastruktur eines modernen Staates. Behördendienstleistungen können so bequem und einfach von zu Hause erledigt werden. Die Kosten der Verwaltung werden dadurch reduziert und die Bürger gewinnen mehr Zeit.

Der Staat Estland spart durch die konsequente Digitalisierung  der Verwaltung rund 2% des jährlichen Bruttoinlandproduktes (BIP) ein. Wenn man diese Zahl auf das BIP der Schweiz (705 Mrd. ) anwendet, ergeben sich mögliche Einsparungen von 14 Mrd. Diese Gelder könnten dabei in Forschung & Entwicklung, Bildung, Digitalisierung  oder in die Förderung von Start-ups investiert werden.

Fazit

Eine digitale Identität (E-ID) ist für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes  von entscheidender Rolle. Dies zieht viele Unternehmen und kluge Köpfe an, schafft Arbeitsplätze, fördert Innovation und unterstützt eine digitale Gesellschaft aufzubauen. Viele Bürger und Konsumenten erwarten digitale Lösungen, welche die Interaktion mit dem Staat oder einem Unternehmen erleichtern.

Estland hat den Weg gezeigt, wie eine digitale Gesellschaft funktioniert. Die Einführung der digitalen Identität und Unterschrift in den frühen 2000 Jahren haben sich als Turbo für das digitale Ökosystem erwiesen.

Abbau  von Bürokratie, einfache Verwaltung der persönlichen Daten und mehr Sicherheit sprechen für eine E-ID. Die Zukunft beginnt jetzt!

Digitalisierung, digitale Transformation und Banking gehören zu den Leidenschaften von Roberto Zimmermann. Er verfügt über mehrere Jahre Führungserfahrung in der Finanzbranche. Für eine Grossbank war er verantwortlicher Controller für das weltweite Wealth Management & Business Banking, bevor er die Führung des Privatkundengeschäftes einer Regionalbank übernahm. Von C-Level wurde er als einer der Top 100 "Digital Shaper" der Schweiz gewählt.

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