Decentralized Finance (DeFi) – hohes Potenzial mit neuen Spielregeln

Exponentielles DeFi-Wachstum erhöht den Total Value Locked (TVL) auf über 80 Milliarden

Der Wandel in der Finanzbranche schreitet voran. Disruptive Technologien, erhöhte Transparenz, fehlendes Vertrauen in zentrale Instanzen, hohes Tempo und veränderte Kundenbedürfnisse sind wichtige Treiber der digitalen Transformation. Als Innovation kommen Kryptowährungen und digitale Assets ins Spiel. Diese ermöglichen, Finanzdienstleistungen über das Internet und die Blockchain Technologie weltweit dezentral zu nutzen. Der ursprüngliche Anwendungsfall ist Bitcoin, welcher Peer-to-Peer (P2P) Zahlungen ermöglicht. Die nächste Ausbaustufe wird unter dem Begriff Decentralized Finance (DeFi) zusammengefasst. DeFi hat das Potenzial, die Welt zu verändern und 1.7 Mrd. Menschen ohne Bankkonto den Zugang zu Finanzen zu ermöglichen.

Definition DeFi

DeFi steht für den englischen Begriff „Decentralized Finance“ (dezentralisierte Finanzmärkte). Es ist ein komplettes Open-Source-Ökosystem, das Finanzdienstleistungen wie Kredite, Handel, Asset Management und Zahlungen anbietet. Die Abhängigkeit von zentralen Instanzen wird minimiert und steht jedem offen. Die Interaktionen erfolgen Peer-to-Peer mit Smart Contracts hauptsächlich über die Ethereum-Blockchain. Ethereum ist im Unterschied zu Bitcoin programmierbar und bietet einen Marktplatz für viele Anwendungen.

Vergleich DeFi versus traditionelles Finanzsystem

Tabellarische Übersicht der Unterschiede.

Decentralized Finance (DeFi) Traditionelles Finanzsystem
Custody Der Nutzer verwahrt sein Geld Verwahrung durch Intermediäre
Unit Digitale Assets oder Stable Coins Fiatgeld (Schweizer Franken, US-Dollar, Euro etc.)
Execution Unterstützt durch Smart Contracts Unterstützt durch Intermediäre
Settlement Innert wenigen Sekunden / Minuten Über mehrere Tage
Availability Verfügbarkeit der Märkte
24 h / 7 Tage
Eingeschränkte Öffnungszeiten
z.B. Montag – Freitag, 08.00 h – 17.00 h
Clearing Unterstützt durch Blockchain Transaktion Unterstützt durch Clearing Stellen
Governance Von Entwicklern und Nutzern verwaltet Festlegung durch Börsen und Regulator
Auditability Open Source Code, Public Ledger, Prüfung durch jeden Audits durch autorisierte Dritte
Collateral Hohe Sicherheiten erforderlich Wahrnehmung durch Intermediäre

 

Unterschied zwischen Decentralized Finance (DeFi) und Traditionellem Finanzsystem
Abbildung 1 – Unterschied Decentralized Finance (DeFi) und Tratidionelles Finanzsystem – Quelle: Eigene Darstellung

„Total Value Locked“ (TVL)

Der Total Value Locked (TVL)“ ist die gängigste Kennzahl, um das Volumen der dezentralen Finanzindustrie (DeFi) zu messen. Der TVL stieg in den letzten Monaten stark an und erreichte im August 2021 einen Wert von über 80 Milliarden USD. Die grössten DeFi Kategorien sind Lending mit knapp 50 % und DEXes (Dezentrale Börsen) mit einem Anteil von 34 %. (Quelle: DefiPulse)

 

Abbildung 2 - Total Locked Value (TLV) Entwicklung und Kategorien
Abbildung 2 – Total Locked Value (TLV) Entwicklung und Kategorien – Quelle:DefiPulse

DeFi Anwendungen

Die DeFi Anwendungen und Projekte lassen sich in fünf Kategorien einteilen. Das System entwickelt sich weiter und neue Anwendungen wie Versicherungen, digitale Identitäten oder dem Compliance Bereich kommen dazu.

DeFi Kategorie Beschreibung Projekte
Lending/Borrowing Der grösste Anteil bei den DeFi Anwendungen liegt im Verleihen und Ausleihen von Kryptowährungen. Die Kreditvergabe ist eine interessante Möglichkeit, passives Einkommen zu erzielen. Der Besitzer hinterlegt seine Tokens und erhält als Gegengeschäft attraktiv hohe Zinsen.
DEXes Die bekannten zentralen Krypto-Börsen sind Coinbase, Binance oder Kraken. Coinbase führte im April einen IPO durch und erreicht aktuell einen Börsenwert von über 60 Milliarden USD. Bei dezentralen Börsen (DEXes) findet der Handel direkt zwischen Käufern und Verkäufern über ihre Wallets ohne zentrale Instanz statt. Diese Dynamik ermöglicht einen sofortigen Handel zu niedrigeren Kosten, welcher ausschliesslich über Krypto-Token gegen andere Krypto-Token läuft.
Assets Im traditionellen Finanzsystem erfolgt die Verwahrung der Vermögenswerte über Intermediäre. DeFi Asset Management ist ein stark wachsender Sektor und erlaubt dem Nutzer, sein Vermögen selbst zu verwalten (Käufe, Verkäufe, Transfer). DeFi Asset Management bietet neue Möglichkeiten für Investoren, Fond-Manager oder Portfolio-Manager.
Derivatives Im klassischen Finanzbereich ist ein Derivat ein Vertrag zwischen zwei oder mehreren Parteien. Die Kursentwicklung ist an einen bestimmten Vermögenswert gekoppelt. Ethereum erlaubt, eine unendliche Vielfalt an Derivaten zu erstellen und über Smart Contracts abzusichern, ohne dass Vermittler erforderlich sind. Dies ermöglicht, Titel auf der Blockchain zu verkaufen (shorten) wie Bitcoin oder Tesla.
Payments Die Vorteile von DeFi eignen sich hervorragend für die Lösung der Probleme der derzeitigen globalen Zahlungssysteme. Bankkonten werden in den meisten Fällen in einer Fiatwährung (CHF, USD, EUR) geführt. Die Nachteile sind hohe Kosten und der Zeitaufwand für den Absender und Empfänger bei grenzüberschreitenden Zahlungen. Peer-to-Peer DeFi Zahlungen sind transparenter, schneller und kostengünstiger.

 

Decentralized Finance (DeFi) – Vorteile

  • Zugang zu Finanzdienstleistungen für alle und von jedem Ort
  • Verfügbarkeit an 7 Tagen, jeweils 24 Stunden am Tag
  • Tiefere Kosten durch Wegfall von Intermediären
  • Hohe Renditen
  • Investitionen in Kleinstbeträgen
  • Vollständige Transparenz (Open Source) auf der Blockchain durch Einsicht der Transaktion
  • Reduktion von menschlichen Fehlern durch manuelle Prozesse
  • Innovation von neuen Finanzdienstleistungen

Decentralized Finance (DeFi) – Nachteile

  • Hackerangriffe machen das DeFi System anfällig
  • DeFi Kreditgeschäfte erfordern Sicherheiten von 100%, was den Kreis einschränkt
  • Verlust des privaten Wallet-Schlüssels (keine Wiederherstellung)
  • Regulierung und Konsumentenschutz sind noch in den Anfängen
  • Hohe Schwankungen der Vermögenswerte

Auswirkungen für Banken

Die rasante Entwicklung von Decentralized Finance (DeFi) hat grosse Auswirkungen für Banken. Wie lässt sich DeFi als Chance für Banken nutzen?

1. Angebot von Kryptowährungen

Die Marktkapitalisierung von sämtlichen Kryptowährungen hat die unglaubliche Höhe von aktuell 2 Billionen USD erreicht (Stand August 2021). Bitcoin ist nach wie vor die dominante Kryptowährung mit einem Gesamtvolumen von über 900 Milliarden USD. Viele Kunden möchten Ihre Kryptowerte sicher bei ihrer Bank deponieren und Trading betreiben. Dieses Kundenbedürfnis ist heutzutage bei den meisten Banken nicht möglich. Die Schweizer Banken tun sich mit Kryptowährungen schwer. Die Gründe für das Zögern liegen in der erhöhten Volatilität der Währungen, fehlendem Know-how oder ungewissen regulatorischen Anforderungen. Zu den First Movern in der Schweiz gehören die Neobanken SEBA, Sygnum oder das innovative Institut BBVA. Die BBVA Schweiz bietet neben Bitcoin-Handel und Verwahrungsdienstleistungen auch Investitionen in alternativen, digitalen Vermögenswerte an.

2. Regulierung mitgestalten

Viele Regulierungsbehörden und Zentralbanken beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Kryptowährungen. Die Webseite CBDCTracker zeigt den aktuellen Stand der Entwicklungen für die CBDC (Central Bank Digital Currencies). Fortgeschrittene Pilotversuche gibt es in Frankreich, China und Kanada.

Die etablierten Banken haben die Möglichkeit, eine aktive Rolle bei der Festlegung der künftigen Regulierung durch neue Technologien zu spielen. Banken könnten dabei mit DeFi Anbietern und Regulierungsbehörden zusammenarbeiten. So können sie neue innovative Angebote im Sinne einer „Co-Creation“ entwickeln und die notwendigen Regulierungen mitgestalten.

Die Kultur der Compliance Abteilung sollte von einem risikoorientierten zu einem innovationsfördernden Ansatz ändern. Entwickler, Designer, Produkt- und Compliance Leute arbeiten komplementär zusammen und treiben Innovationen entlang den Richtlinien voran.

3. Brücken bauen

Die Firma Coinbase leistete Pionierarbeit, wie DeFi mit dem traditionellen Finanzsystem kooperiert. Auf dieser Plattform lassen sich Kryptowährungen und die klassischen Fiatwährungen (USD, EUR) handeln. Der Gewinn von Coinbase explodierte im ersten Halbjahr 2020, weil die Massenadoption von Kryptowährungen weiter voranschreitet.

Die etablierten Banken könnten sich an Coinbase orientieren und vermehrt Krypto-Services in diesem neuen Finanzsystem anbieten. Insbesondere technisch versierte und risikofreudige Kunden steigern die Nachfrage weiter. Grosses Potenzial in Zukunft liegt insbesondere bei Privatanlegern. Diese interessieren sich zunehmend für Kryptowährungen und haben bereits Krypto Test-Konten mit kleinen Beträgen eingerichtet. Krypto-Vermögensverwaltungsmandate, ETFs, Fonds, strukturierte Produkte oder Lending sind interessante Dienstleistungen.

Fazit

Decentralized Finance (DeFi) ist in der Lage, das Finanzsystem grundlegend zu verändern. Die Blockchain-Technologie und DeFi machen das System vertrauenswürdiger, kostengünstiger und transparenter. Menschen ohne Bankverbindung erhalten Zugang zum Wirtschaftssystem und es eröffnen sich neue Möglichkeiten für Investoren.

Es bleibt spannend, wie die traditionellen Anbieter darauf reagieren. DeFi bringt Chancen, neue Ertragsquellen zu generieren und sich als innovatives Institut in der Neuen Welt zu positionieren. Investitionen in neue Technologien, Ausbildungen von Mitarbeitern und Kunden Dienstleistungen werden sich für traditionelle Anbieter auszahlen.

Die Zukunftsaussichten von DeFi sind vielversprechend und die Akzeptanz wird weiter zunehmen. Trotzdem wird es Rückschläge geben, wie im Falle von Hackerangriffen auf Poly Network. Die Aufsichtsbehörden hinken der schnellen Entwicklung hinterher. Der DeFi-Sektor sollte den Regulator auf die Reise mitnehmen und die gesetzlichen Anforderungen mitgestalten. Dies schützt die Konsumenten, fördert Innovation und schafft ein sicheres Finanzsystem.

Digitalisierung, digitale Transformation und Banking gehören zu den Leidenschaften von Roberto Zimmermann. Er verfügt über mehrere Jahre Führungserfahrung in der Finanzbranche. Für eine Grossbank war er im Wealth Management Lateinamerika und als CFO für die Schweiz tätig, bevor er die Führung des Privatkundengeschäftes einer Bank übernahm. Er arbeitet heute als Managing Partner bei einem weltweiten Management- und Technologieberatungsunternehmen für die Finanzdienstleistungsbranche.

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