Nursing 4.0 – Digitalisierung in der Pflege

Administrative Entlastung und Qualitätssicherung

Hintergrund: Die digitale Pflegedokumentation umfasst als wesentlicher Teil des elektronischen Patientendossiers, vor allem die Planung und Dokumentation von Massnahmen zur Versorgung Pflegebedürftiger sowie deren Abrechnung, aber auch die Organisation der Arbeitsabläufe und Dienstplangestaltung von Pflegenden. Die berufliche Austrittsrate liegt bei 21,9 % (Merçay et al., 2021). Häufig werden der administrative Aufwand und der Zeitdruck als Austrittsgründe genannt. Ziel: Pflegende sollten durch weitere Digitalisierungsschritte nachhaltig entlastet werden. Eine Reifegradbestimmung ermöglicht weitere Entwicklungsschritte.

Einleitung zu Nursing 4.0

Die digitale Pflegedokumentation (PDS) umfasst als wesentlicher Teil des elektronischen Patientendossiers vor allem die Planung und Dokumentation von Massnahmen zur Versorgung pflegebedürftiger Personen sowie deren Abrechnung, aber auch die Organisation der Arbeitsabläufe und Dienstplangestaltung der Pflegefachpersonen. Im Rahmen der digitalen Transformation Nursing 4.0 kommt der digitalen Pflegedokumentation eine bedeutende Rolle bei zukünftigen Kostenersparnissen und der Qualitätssicherung zu.

PDS Reifegradmodell_Digitalisierung Langzeitpflege, Pflegedok
PDS Reifegradmodell in Langzeitpflege – Quelle: Erhebung Oktober 2021, Kircher Dirk S. via Grin

Um positive Veränderungen und bestehende Systeme beurteilbar zu machen, ist es notwendig, ein praktikables Tool zur Selbstevaluation in der Langzeitpflege verfügbar zu haben. Der Einsatz dieser Dokumentationsform hat Auswirkungen auf die Weise, wie pflegerelevante Informationen erfasst, verarbeitet und genutzt werden können. Daraus ergeben sich auch Veränderungen der Arbeitsinhalte und -prozessen (Evans et al., 2018). Die Schweiz bietet hierzu als Referenz Vergleichswerte für andere Länder.Problemstellung von Pflegeheimen

Im Jahr 2017 betrug in Schweizer Pflegeheimen im Vergleich zu allen anderen Gesundheitsdienstleistenden der Anteil an Papierdaten am gesamten Datenvolumen 17 % und der Anteil digitaler Daten davon lediglich 1 %. Spitäler und die Akutpflege besitzen als Vergleich mit 73 % Anteil an allen digitalen Daten im Gesundheitswesen inkl. Bildgebung die grösste Menge am Datenvolumina. Der Anteil an Papierdaten beträgt dort lediglich 6 %. Wesentlich sind hierbei die Auswirkungen im Hinblick auf das Management zur Qualitätssicherung, wie bessere Controlling-Tools und das Monitoring des umsatzbringenden Kernprozesses genauer die Überprüfbarkeit und Transparenz der Pflegeleistungen in der Langzeitpflege. Externe und mobile Schnittstellen werden noch zu wenig genutzt, selbst wenn diese bereits zur Verfügung stehen.

Zielsetzung der Studie für Nursing 4.0

Neben dem Fachkräftemangel in der Pflege ist auch die Digitalisierung und digitale Dokumentation von Gesundheits- und persönlichen Daten der Patienten ein brandaktuelles und viel diskutiertes Thema im medizinischen und pflegerischen Sektor. Viele Einrichtungen müssen dabei selbstständig entscheiden, inwieweit sie moderne Technik verwenden und effiziente Systeme entwickeln. Wie kann die Digitalisierung verpflichtende Dokumentationen zum Krankheitsverlauf der Patienten und anderer wichtiger Informationen vereinfachen?

Pflegende sollten durch weitere Digitalisierungsschritte nachhaltig entlastet werden. Eine Einschätzung des betriebseigenen Reifegrades der digitalen Pflegedokumentation ermöglicht eine Abkehr vom impulsiven und die Hinwendung zum strategischen, bedarfsorientierten und
partizipativen Prozess der digitalen Transformation. Es stellen sich Fragen wie: mit welchem Dokumentationssystem können die Einrichtungen vor allem bei der Langzeitpflege Zeit und Geldmittel einsparen? Wie weit entlastet digitale Dokumentation das Gesundheitssystem und den Pflegealltag? Ziel sollte es sein, die Pflegeprofession kontinuierlich von einer reaktiven hin zu einer präventiven und präskriptiven Pflege zu verändern und dadurch gleichzeitig die Prozesse zu erleichtern.

Erkenntnisgewinn für Pflegeheime

Folgende Hypothese konnte im Rahmen einer Studie bestätigt werden: Der Einsatz digitaler Pflegedokumentation in Ostschweizer Pflegeheimen, hat positive Auswirkungen im Hinblick auf eine bessere Pflegequalität, schnellere präventive Reaktion und effiziente Pflegeprozesse (Reduzierung des
Dokumentationsaufwands). Der Durchschnitt des Reifegrades in Ostschweizer Langzeitpflegeeinrichtungen liegt mit 88,2 Punkten gesamthaft bei 5.4 vom Reifegrad 1 bis 8. Der nächst höhere Grad 6 mit der Einführung von mobilen Endgeräten fängt bei > 90 Punkten an. Den Reifegrad 8 der «Excellence» mit > 120 Punkten konnte momentan noch keine Einrichtung in einer Disziplin erreichen. Besonders positiv im bereits erreichten Reifegrad 7 haben die Hauptfunktionen ‘Stammblatt’ sowie ‘Wunddokumentation‘ im PDS als integrativer Bestandteil der gesamten digitalen Patientendokumentation (PDS) abgeschnitten.

Kernaussauge

Die administrative Belastung vor der Digitalisierung beträgt somit im arithmetischen Mittel fast 50% der täglichen Arbeitszeit. Das deckt sich mit anderen Erhebungen sowie Angaben von mehr als 50% der Arbeitszeit an rein administrativer Tätigkeiten, ohne uno-actu Mensch zu Mensch Pflegeprozess. Die Studie konnte Forschungsbeweise identifizieren sowie eine generelle Aussagekraft zur Entlastung der Pflege synthetisieren. Ein gewisses altersbezogenes Bias gegenüber digitalen Hilfsmitteln lassen sich nicht ausschliessen und wäre in einer Folgelongitudinalstudie aufschlussreich. Bereits vor der Digitalisierung lag der administrative Aufwand in einer 8 Stundenschicht im Mittel mit 47 % bei 3.8 Stunden. Der Verwaltungsaufwand nach der Digitalisierung liegt im Schnitt bei 33,5 %. Es könnte für je acht Mitarbeitende eine Vollzeitstelle eingespart und die Arbeitsbelastung markant reduziert werden.

Aussagekraft: Unklar ist, welche Rolle bei der Qualitätssicherung die bestehenden Softwarelösungen spielen und ob diese regelmässig evaluiert werden. Ein positiver Effekt auf die Fehlerquote wurde aktuell nicht erfasst und wäre in einer Anschlussforschung zur Fehlervermeidung durch Digitalisierungsschritte denkbar. Nationale kantonsübergreifende verbindliche Vorgaben zur regelmässigen Qualitätsüberprüfung gibt es keine.

Diskussion zu den Ergebnissen

Häufig wird eine Diskrepanz zwischen zur Verfügung stehenden mobilen Geräten, digitaler Kompetenz (rekrutiertes Personal mit entsprechenden Kompetenzen) und bereits eingeführter Pflegedokumentationssysteme genannt. Die aktuellen zur Verfügung stehenden Systeme bilden die Leistungen wie Zuwendung und psychosoziale Betreuung noch nicht im ausreichenden Masse ab. Gewünscht sind schnittstellenübergreifende praktikable Lösungen und mobile Spracheingabemöglichkeiten. Eine administrative Entlastung ist gewünscht, um das Verbleiben im Beruf positiv zu beeinflussen. Erfasst wurde die Korrelation Zeitersparnis nach der Einführung eines digitalen PDS.

Es steht mehr Zeit für den eigentlichen Pflegeprozess zur Verfügung, wenn die anfängliche zeitintensive Schulungs- und Einführungsphase überwunden wurde. Eine damit einhergehende steigende Arbeitszufriedenheit, mit direkter und indirekter Partizipation im Sinne von New Work, gilt mittel- und langfristig als wahrscheinlich. Eine Gefahr der Digitalisierung sehen Fachpersonen vor allem in der Ablenkung der ungeteilten Aufmerksamkeit zu Bewohnenden durch die Konzentration auf die digitale Eingabe und Geräte. Die Patientensicherheit geht auch mit der Menge an gut ausgebildetes Personal sowie reduzierten Fehlerquellen durch die Digitalisierung einher.

Bisher besitzen lediglich 6 % der Einrichtungen in der Langzeitpflege Ostschweiz eine Möglichkeit eines gesicherten digitalen externen Datenaustausches. Für ein strukturiertes Vorgehen bei medizinischen oder pflegerischen Notfällen gibt es bei zwei der befragten Einrichtungen Standardalgorithmen. Überwiegend findet der Austausch mit den Heim- oder Hausärzten zu den Bürozeiten via Telefon, Telefax und E-Mail statt. In Notfallsituationen stehen für 96 % der Einrichtungen ausserhalb der Bürozeiten und nachts nur der kantonale notfallärztliche Dienst, SOS (mobile) Ärzte, externe Telemedizinanbieter, Notfallärzte der Spitäler oder der Rettungsdienst zur Verfügung. Die Rekrutierung von qualifizierten Pflegefachpersonen mit digitaler Kompetenz wird zusehends schwieriger.

Tiefgreifender kultureller Wandel ist nötig

Mitarbeiterpartizipation ermöglicht praxisrelevante Verbesserungsimpulse sowie eine kulturelle Verstetigung der digitalen Transformation. Die Mitarbeitenden reagieren gerade anfangs skeptisch bis ängstlich. Die Selbstevaluation ist der erste Schritt im Dreiklang der strategischen ‘Verankerung, Bedarfsorientierung und Partizipation’. Ziel ist es, die Arbeitsprozesse und die Mitarbeiterzufriedenheit positiv zu beeinflussen. Davon abgeleitet sind eine klare Vision und die Perspektive der Führungskräfte als Coach auf Augenhöhe erfolgversprechender als nur unzureichend gelebte Zielsetzungen.

Schlussfolgerungen aus der Studie

Nötig ist eine konsequente Investition in die Infrastruktur, Weiterbildung und deutlich mehr mobile Endgeräten zum Erreichen des sechsten Reifegrades der nächsthöheren Stufe, dazu gehören ebenfalls die Leistungserfassung zur Abgabe von Medikamenten sowie die Erfassung der Vitalwerte vor Ort. Nursing 4.0: Zur Fehlervermeidung bieten sich eine Digitalisierung der Protokolle wie das Sturzprotokoll an. Gewünschte Erweiterungen sind Assessments-Pakte und besser verlinkte Textbausteine, welche die manuelle Eingabe erleichtern. Soziopsychologische Betreuungs- und Aktivierungsprozesse gilt es modular einzubinden und im Abrechnungsprozess als Arbeitsaufwand besser abzubilden. Ein Verzicht auf schlecht lesbare Faxverordnungen sowie eine Verknüpfung von Wechselwirkungen und Dosierungen mit (externen) Zugang zu Laborwerten, Vitalwerten, Ausscheidung, Allergien und Diagnosen ist geboten. Administrative Tätigkeiten sind in die Überlegungen als Grundlage gegenüber der Kostenträgerschaft für Abrechnungsposition zum täglichen Arbeitsaufwand mit einzubeziehen.

Generalisierbarkeit und Implementierung

Bis zu einer umfassenden Nutzung der Gesundheitsdaten durch künstliche Intelligenz, beispielsweise als Unterstützung bei der täglichen medizinischen und pflegerischen Entscheidungsfindung, sind zuvor einige Herausforderungen zu bewältigen und Vorbehalte hinsichtlich des Datenschutzes und des Kosten-Nutzen-Verhältnisses zu überwinden. Einzelne Systeme sind vor allem in der Langzeitpflege bislang nicht oder nur unzureichend (extern) vernetzt oder es gibt lediglich sogenannte Insellösungen. Dies sind elektronische, meist proprietäre Teillösungen, die nicht
miteinander oder nur im geringen Mass untereinander vernetzt sind. Es gibt aktuelle Diskussionen um die Ausgestaltung, Vergütung und den Datenschutz. Diese führen häufiger dazu, dass die Weiterentwicklung von E-Health in der Schweiz im föderalistischen Staatssystem tendenziell nur zögernd vorangeht.

Wettbewerbsvorteile

Aus ökonomischer Perspektive lassen sich drei wesentliche Wettbewerbsvorteile zur zukünftigen strategischen Ausrichtung festhalten:

  1. Digitales Wissen
  2. Geschultes, partizipiertes und motiviertes Fachpersonal
  3. Technologie und Infrastruktur.

Den ersten Ansatz gilt es als nachhaltigen Wandel der digitalen Unternehmenskultur zu verstehen.

Die Daten beruhen auf eine Studie im Rahmen einer Dissertation 2021, siehe URL: Digitale Dokumentation. Reifegradmodell in der Langzeitpflege am Beispiel ausgewählter Schweizer Pflegeeinrichtungen – GRIN Darin findet sich das Reifegradmodell zur Selbstevaluation mit Handlungsempfehlungen für eine erfolgsversprechende digitale Positionierung.

Als multikuturell geprägtes Stadtkind sowie Deutsch-Schweizer Doppelbürger bleibe ich weltoffen. Nursing Expert mit über 25 Jahren operative Erfahrung im Gesundheitswesen u.a. als RN, Pflegeexperte Nachdiplom NF, RS/ RA, PhDr. in Ökonomie und Management, Master of Science in Corporate Development, Bachelor of Arts in Gesundheits- und Sozialwirtschaft. Master in General Management. Meinem Motto bleibe ich treu: "Wir arbeiten mit Menschen für Menschen." Excellence im Gesundheitswesen, Digitalisierung und integrierte Versorgung, setzten nicht nur die Leistungsqualität in den Fokus. Redundante Prozesse können vermieden werden und sparen dadurch Kosten. Meine Erfahrungen am Patienten und akademische Qualifikationen in der Gesundheitswirtschaft erlauben mir praxisrelevante und dadurch tragfähige Lösungen zu generieren. Ziel => bestmöglichste Pflege- und Behandlungsqualität. Weitere Beiträge: Buchveröffentlichung: https://www.grin.com/login/#document/1190309 Age of big data - increasing demands in swiss telemedical advices Open Access, Volume 9 | Issue 5 | 09 · 20. Mai 2021, Nursing Congress 2021, 4th Global Conference

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