Digitale Fahrzeugakte dank Blockchain – Zeitalter des vernetzten Arbeitens zwischen Behörden und Unternehmen

Praxisbeispiel im Rahmen des BMVI DataRun (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur) zur Blockchain in der Fahrzeugzulassung

Digitale Transformation, Digitaler Wandel oder auch Digitale Revolution – Wie auch immer der Prozess genannt wird: wenn es um die Digitalisierung geht, verfolgt jedes Unternehmen seine eigene Vision um nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu generieren. Und das ist gut so. Doch was passiert, wenn plötzlich unterschiedlichste Stakeholder immer wieder auf die gleichen Daten, z.B. eines Autos, zurückgreifen? In diesen Fällen wird immer noch mit viel Papier gearbeitet. Medienbrüche sind an der Tagesordnung. Der BDA stellte nun im Rahmen des Digital Days ein Projekt zur digital vernetzten Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Stakeholdern vor: die Digitale Fahrzeugakte. Diese wurde bisher mit verschiedenen Captives des BDA konzipiert. Wie diese Digitale Fahrzeugakte zur unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit beitragen kann, wurde darüber hinaus spielerisch im Rahmen des BMVI DataRuns erprobt.

Es gibt einige Anwendungsfälle, bei denen sehr viele unterschiedliche Stakeholder mit immer den gleichen Daten arbeiten. Einer der komplexesten Anwendungsfälle ist hierbei sicher das Auto. Versicherungen, Banken, Behörden (Zulassungsstellen, Polizei etc.) aber auch beispielsweise Händler, TÜV und Privatpersonen sowie viele mehr greifen immer wieder auf gleiche Daten und Informationen eines Autos zu. Diese Daten werden aktuell in Papierform durch die ZBI, ZBII sowie die CoC-Papiere repräsentiert. Wird nun zur Vereinfachung lediglich der Zulassungsprozess betrachtet, werden diese Papiere (vornehmlich ZBII) mehrfach im Laufe eines „Autolebens“ versendet. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 2018 in Deutschland:

Bei einem durchschnittlichen Gesamtbestand von 64,8 Mio. zugelassenen Fahrzeugen gab es rund 7,2 Mio. Besitzumschreibungen sowie rund 3,4 Mio. Neuzulassungen. Allein bei diesen beiden Punkten wurde auf den Gesamtbestand gerechnet bei 16% der Fahrzeuge eine Papierbewegung der ZBII ausgelöst. Nicht betrachtet sind beispielsweise Aufbietungen, Abmeldungen oder weitere Änderungen in den Dokumenten. Der Prozess einer Zulassung dauert nicht nur lange (Papiere werden zunächst via Post oder Kurier transportiert), sondern er ist auch sehr kostenintensiv. Allein die Kosten für den Druck sowie die Einlagerung der Dokumente, die Verwaltung und den Transport liegen im hohen Millionenbereich. Daran wird auch das aktuelle Projekt i-KfZ des BMVI nichts ändern. Um wirklich vernetzt und digital zusammenzuarbeiten bedarf es somit eines gemeinsamen, digitalen Nenners an Daten, der jedem Stakeholder immer und überall zur Verfügung steht. Dabei darf die Technologie dennoch nicht in die IT-Systeme der einzelnen Stakeholder eingreifen, da man dann wieder Abhängigkeiten generiert. Eine gemeinsame Datenbank, die einem Intermediär gehört ist somit ausgeschlossen (Anhängigkeit vom Intermediär). Vielmehr sollte die genutzte Technologie als „Kleber zwischen den bestehenden IT-Welten“ dienen. Als Basis für die vernetzte Zusammenarbeit wurde somit die Blockchain-Technologie genutzt.

Die Blockchain als „Kleber zwischen den IT-Welten“

Grundlage für die vernetzte Zusammenarbeit bildet die Open Source-Plattform evan.network. Genutzt wurden Daten der mFound-Projekte des BMVI, wie Flottendaten von Elektro-Fahrzeugen, die die statischen Daten der Digitalen Fahrzeugakte repräsentierten, aber auch Bewegungsdaten des bis Ende 2018 autonom fahrenden Shuttles Emily. Ziel war es, dass verschiedene Stakeholder mit verschiedenen Berechtigungen (Keys) auf die für sie in der Digitalen Fahrzeugakte freigegebenen Daten zugreifen und diese für eigene Prozesse nutzen können.

Zunächst wurde somit die Grundlage, die Digitale Fahrzeugakte, in einem Digital Twin hinterlegt (Bild 1). Diese Digitale Fahrzeugakte besteht aus Metadaten zum Fahrzeug, wie der FIN, sowie weiteren unveränderlichen Daten zum Fahrzeug. Die hier im Bild 1 dargestellten Daten sind dabei ausschließlich Testdaten, um keinen Hersteller zu bevorteilen. Folgende Stakeholder sind in diesem Anwendungsfall als teilnehmende Rolle bedacht worden:

  • Zulassungsstelle: lässt Fahrzeug zu
  • Werkstatt: liefert Wartungsprotokoll bzw. km-Stände und meldet einen Schaden an die Versicherung
  • Versicherung: meldet einen Schaden an die Bank, wenn das Fahrzeug sicherungsübereignet ist und holt sich die Freigabe, dass das Fahrzeug in einer Werkstatt instandgesetzt werden kann
  • Bank: kann ein Fahrzeug als sicherungsübereignet markieren (Finanzierung oder Leasing) und kann einen durch die Versicherung gemeldeten Schaden zur Instandsetzung freigeben
2019 BMVI Digitale Fahrzeugakte_Bild 1
Bild 1: Beispiel einer Digitalen Fahrzeugakte, wenn ein Fahrzeug zugelassen worden ist

Über Streamr sind zusätzlich Bewegungsdaten in die Digitale Fahrzeugakte eingeflossen (Bild 2).

TIPP: Es ist in einem realen Anwendungsfall zu eruieren, ob ein dauerhaftes Streaming in einer Blockchain sinnvoll ist. Da die Transaktionskosten auf einer Blockchain dann sehr hoch werden können ist zu empfehlen im Fall eines Ereignisses (z.B. Auto meldet selbst einen Unfallschaden, wenn der Airbag ausgelöst worden ist) diese konkreten Daten manipulationssicher in der Digitalen Fahrzeugakte festzuhalten.

2019 BMVI Digitale Fahrzeugakte_Bild 2
Bild 2: Abbildung von Bewegungsdaten

Den Anwendungsfall einer Zusammenarbeit im Schadensfall repräsentiert Bild 3. Der Account der Werkstatt hat gemeldet, dass ein Fahrzeug defekt ist. Nun holt sich die Werkstatt das Einverständnis der Versicherung zur Reparatur ab. Da das Fahrzeug in diesem Fall einer Bank sicherungsübereignet ist (z.B. geleast), holt sich die Versicherung wiederum das Einverständnis der Bank ein, die Schadensregulierung freizugeben. Erst wenn beide Stakeholder zustimmen wird das Fahrzeug repariert. Den aktuellen Stand des Genehmigungsverfahrens bzw. der Reparatur können die Parteien entsprechend einsehen und haben somit EINE manipulationssichere Sicht auf die Informationen.

2019 Digitale Fahrzeugakte_Bild 3
Bild 3: Digitale Abbildung eines Schadensfalls

Je nach eigener Browsereinstellung kann die Sprache variieren. Im vorliegenden Beispiel ist in Bild 1 und 2 mit deutscher Sprache und in Bild 3 mit englischer Sprache gearbeitet worden.

Bisher außen vorgelassen worden sind in diesem Showcase Hersteller oder auch Lieferanten. Hierbei lassen sich einfach Anwendungsfälle zur Rückverfolgbarkeit von Bauteilen zusätzlich implementieren. Die Machbarkeit eines solchen Prozesses auf Basis der Blockchaintechnologie zeigte erst kürzlich Sartorius Stedim auf der BME Konferenz Disrupting Procurement.

 

Was ist der Mehrwert einer solchen dezentralen Zusammenarbeit?

Die Frage ist nun, was haben die verschiedenen Stakeholder konkret von einer gemeinsamen, digitalen Datengrundlage innerhalb der Zusammenarbeit? Dabei sind die Blickwinkel recht unterschiedlich:

Behörden:

Ganz nach dem Motto „Klicken und losfahren“ möchte Verkehrsminister Andreas Scheuer die Bürgerdienste in Bezug auf die Zulassung von Fahrzeugen digitalisieren und damit ihr Online-Angebot ausweiten. Dabei ist das Projekt i-KfZ ein guter Anfang. Dennoch werden nicht alle am Prozess teilnehmenden Stakeholder eingebunden und die bestehenden Datensilos werden eher ausgebaut. Eine stakeholderübergreifende Zusammenarbeit ist bisher nicht möglich. Wäre also die Blockchain-Technologie ein logischer nächster Schritt zur Digitalen Strategie der deutschen Bundesregierung?

Banken:

Kredit- und Leasinggeber haben ein erhebliches Einsparpotenzial innerhalb der Prozesskosten. Werden CoC-Papiere sowie die ZBII komplett digitalisiert liegen die Einsparungen pro Fahrzeugbrief (pro sicherungsübereigneten Fahrzeug) im zweistelligen €-Bereich gegenüber den heutigen Aufwendungen für die Einlagerung, Verwaltung sowie Porto etc. Zusätzlich wäre es möglich, eine blockchainbasierte Abfrage der Sicherungsübereignung zwischen den Banken zu initiieren, um Betrugsfälle zu vermeiden (Transparenz zu den Eigentumsverhältnissen). Dabei liegen die Daten nicht in der Datenbank eines Intermediärs, sondern jede Bank behält weiterhin die Datenhoheit über die eigenen Daten und Informationen (Vorteil Blockchain).

Werkstätten:

Alle Werkstatt-Informationen zu einem Fahrzeug liegen in einem digitalen Checkheft. Ein Verlust dieser Informationen durch das Fehlen des Papiers ist somit ausgeschlossen. Es kann exakt und manipulationssicher nachvollzogen werden, wann und bei wieviel Kilometern ein Fahrzeug instandgesetzt oder gewartet worden ist. Diese Daten können wiederum bei Bedarf mit Banken geteilt werden, um den Fahrzeugwert/ Restwert eines Fahrzeugs exakter bestimmen zu können. Ggf. könnten Banken dem Kunden Vorteile im Bereich der Leasing-Rate anbieten, wenn dieser eine solche Transparenz zulässt.

Versicherungen:

Im Schadensfall können Werkstätten, Banken sowie Versicherungen eine weitaus höhere Prozesseffizienz generieren, als es aktuell über manuelle Wege der Fall ist. Jeder der Stakeholder sieht den aktuellen Fortschritt von Freigaben oder auch ggf. fehlenden Informationen. Mit einer Transparenz der Eigentumsverhältnisse sowie einer manipulationssicheren Checkheftpflege könnten neben den Banken auch Versicherungen den Kunden über Benefits entgegenkommen, wenn dieser entsprechende Daten bewusst teilt.

Die gemeinsame Chance aller Stakeholder liegt in einer höheren Kundenbindung durch flexible Vorteile und einen besseren Service durch Schnelligkeit und gemeinsamen Prozesseffizienzen. Dabei unterstützt die Blockchaintechologie eine branchenübergreifende, digitale Zusammenarbeit sowie eine gemeinsame Sicht auf die Daten und Informationen. Dadurch wird durch gezieltes Datenteilen (wenn gewünscht!) Transparenz in folgende Punkte gebracht:

  • Eigentumsverhältnisse
  • Änderungen am Fahrzeug
  • Nutzungsverhalten
  • Fahrzeugwert

Die Digitale Fahrzeugakte dient als gemeinsamer Nenner verschiedener Daten, Informationen und Dokumente, die nach Belieben mit anderen Stakeholdern geteilt werden können (oder auch nicht) und bildet die Verbindung zu verschiedenen Anwendungsfällen rund um ein Fahrzeugs, die in den bestehenden IT-Systemen der einzelnen Stakeholder abgebildet werden.

 

Mehr Informationen unter:

SourceCode zum DataRun

Anja Wilde sucht immer nach neuen Lösungen im digitalen Umfeld, um Prozesse smarter und effizienter zu gestalten. Sie ist Dozentin an der Akademie des BMÖ und unterstützt Unternehmen bei Digitalisierungsprojekten auf Basis der Blockchain Technologie im evan.network. Erfahrungen sammelte sie in der Vergangenheit auch in den Bereichen Lieferanten- und Risikomanagement, Data Mining und KI.

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