Der Mittelstand und die Bewerber-Misere

Warum viele mittelständische Unternehmen immer weniger Bewerber finden – Und was sie dagegen tun können

Deutschlands Arbeitsmarkt kommt für Bewerber momentan einem Schlaraffenland gleich: Es gibt 1,4 Millionen offene, unbesetzte Stellen, die offiziell gemeldet sind. Aus Sicht der Bewerber gleicht die Situation einem Traum, denn diese können sich einen Arbeitgeber suchen, der genau zu ihnen und ihren Wünschen passt. Auf Arbeitgeber-Seite stellt der Fachkräftemangel hingegen eine riesige Herausforderung dar. (War for Talents)

Basti Dörge
Basti Dörge

Trotz dieses Mangels gibt es Unternehmen, die Bewerber zuhauf haben. Doch wie schaffen es diese Unternehmen, heute noch Menschen für sich zu begeistern?

In einem Gespräch gibt Basti Dörge, Recruiting-Spezialist für mittelständische Unternehmen, Tipps, wie Arbeitgeber ihren Bewerber-Mangel zur Bewerber-Angel machen können.

 

Herr Dörge, Sie haben täglich mit Unternehmen zu tun, die ihr Bewerber-Problem lösen wollen. Welche Fehler macht der Mittelstand?

Nun, in den letzten zehn Jahre haben wir nach der Erholung der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder erheblich an Wirtschaftswachstum gewonnen. Der Fokus lag darauf, die alten Wunden zu heilen, wieder Vollbeschäftigung zu erreichen und Aufträge an Land zu ziehen. Was viele Unternehmen in dieser Zeit jedoch verpasst haben, ist, die eigene Personalgewinnung einmal zu hinterfragen und auf den Kopf zu stellen.

 

Wie hat sich das Bild der Arbeitnehmer denn in den letzten Jahren verändert?

In den vergangenen Jahren ist eine neue Arbeitnehmer-Generation, die Generation Y, in die Wirtschaft gewachsen. Das sind waschechte Digital Natives mit anderen Werten, Zielen und Vorstellungen. Und auch die darauffolgende Generation Z, also die Menschen, die ab den späten 1990-er-Jahren geboren wurden, dringt bereits in den Arbeitsmarkt. Ein Großteil der Unternehmen hat es nicht geschafft, sich dem anzupassen und Menschen dieser Generationen dort abzuholen, wo sie mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren können.

Ein Grossteil der Unternehmen hat es nicht geschafft, sich dem anzupassen und Menschen dieser Generation dort abzuholen, wo sie mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren können

Wie meinen Sie das?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir sehen in unserer Coaching- und Beratungspraxis häufig den Fall, dass Stellenanzeigen noch immer geschaltet werden wie vor 15 Jahren. Es wird vielleicht die Stellenbezeichnung geändert, aber Texte werden oft einfach nur kopiert und dann wird abgewartet, ob und wie viele Bewerbungen hereinkommen. Da ist es kein Wunder, dass Unternehmen klagen.

 

Und wie sollte der Prozess stattdessen aussehen?

Im Prinzip ist die Vorgehensweise ähnlich wie die Kundengewinnung im Vertrieb. Ich kann wahllos für meine Produkte Anzeigen schalten, doch dann habe ich ein Zufallsgeschäft. Oder ich kann mir vorab eine Kundengewinnungsstrategie überlegen, meinen Traumkunden definieren, seine Bedürfnisse, Ängste, Sorgen und vor allem Probleme identifizieren.

Wenn ich es anschließend schaffe, dieses Problem in der Sprache der Kunden zu erklären, aber gleichzeitig auf dieser Ebene auch mein Produkt oder meine Dienstleistung zur Lösung dieses Problems zu platzieren, habe ich den Kunden für mich gewonnen – und genauso funktioniert es auch im Kampf um qualifizierte Bewerber.

Bewerber Mangel und Social Media als Kanal

Das klingt erst einmal logisch und einfach. Doch woran sollten Unternehmen mit Bewerber-Mangel konkret im ersten Schritt arbeiten?

Wir haben, nachdem wir uns hunderte Unternehmens-Situationen angesehen haben, Muster in den Verhaltensweisen und in der Umsetzung der Personalgewinnung erkannt. Daraus haben wir dann fünf Themenpunkte identifiziert, auf die es bei der erfolgreichen Personalgewinnung ankommt.

 

Und die lauten wie?

Im Prinzip durchläuft aber jedes Unternehmen ein 5-Schritte-System. Mindset, Simplifizierung, Identifikation, Sichtbarkeit und Qualifizierung sind die Themen, an denen wir arbeiten. Und da hat jedes Unternehmen Baustellen. Bei einem Thema mehr, beim anderen weniger.

Prozess für den Bewerber Mangel

Was meinen Sie, wenn Sie vom Mindset sprechen?

Schauen Sie, alles was in unserem Leben passiert, passiert, weil wir dem Gesetz der Anziehung unterliegen. Deshalb arbeiten auch die erfolgreichsten Sportler sehr stark mit Psychologen zusammen: Wenn ich denke, ich gewinne nicht, verliere ich definitiv.

Wenn ich glaube, die Personalgewinnung ist enorm schwierig, dann werde ich darin Probleme haben. Das ist die Basis.

Wenn ich glaube, ich kann nur Mitarbeiter gewinnen, indem ich mehr Geld bezahle, bin ich auch auf dem Holzweg. Ich muss verstehen, dass, nur wenn ich den Menschen in den Fokus meines Tuns und Handelns lege, ich es schaffen kann, nachhaltig ein Unternehmen aufzubauen, in dem Menschen mit mir als ihren Chef arbeiten wollen.

 

Klingt eigentlich gar nicht so schwer, oder?

Eigentlich ist die Mitarbeiterfindung heutzutage viel leichter und effizienter, denn es gibt die Sozialen Medien, in denen ich meine Zielgruppe exakt definieren und finden kann. Die Kommunikationswege mit Menschen sind heute viel umfangreicher und direkter.

Was hingegen oftmals fehlt, ist das Wissen über die Sprache, Bedürfnisse und Wünsche meiner Zielgruppe. Aber wenn ich dies von Grund auf nach den fünf Schritten umsetze, kommen die Bewerber tatsächlich von alleine.

Eigentlich ist die Mitarbeiterfindung heutzutage viel leichter und effizienter, denn es gibt die Sozialen Medien, in denen ich meine Zielbruppe exakt definieren und finden kann.

Haben Sie Beispiele dafür?

Aber sicher. Aus jeder Branche.

Ich gebe Ihnen einige Beispiele: 400 Azubi-Bewerbungen im Jahr in einem Dachdeckerunternehmen, 40 Bewerber auf einen Ausbildungsplatz bei einem Schreiner, 40 Bewerber auf eine Stelle eines Software Start-ups. Das alles sind Unternehmen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Und das in Branchen wie der Pflege, dem Handwerk und der Industrie, in denen viele Unternehmen über Bewerber-Mangel klagen.

 

Welchen Weg sollten Unternehmen denn gehen, um erfolgreicher Mitarbeiter zu gewinnen und dem Bewerber-Mangel zu entkommen?

Jedes Unternehmen hat eine etwas andere Ausgangsbasis, manche sind unzufrieden mit dem Bewerbungsrücklauf, andere bekommen immer Bewerbungen von den falschen Kandidaten. Deshalb kann ich jetzt nicht den „einen” Weg empfehlen. Die Basis sollte erst einmal sein, sich die Ist-Situation anzuschauen und anschließend die eigenen Ziele zu definieren und danach die bereits erwähnten Schritte durchzuführen und sich dabei für das erste Mal natürlich auch extern gut beraten lassen.

Das Kuriose: für das Marketing geben Unternehmen Unsummen aus, der Fachkräftemangel kostet der deutschen Wirtschaft jährlich Milliarden, aber nur die wenigsten investieren hier in Verbesserungen.

Bewerber Mangel an Bewerbungen

Was möchten Sie Unternehmen hinsichtlich der Personalgewinnung abschließend mit auf den Weg geben?

Sowohl Personal- als auch Kundengewinnung ist kein Hexenwerk. Es ist ein Handwerk, was eine Basis hat, die ich beherrschen muss. Wenn dazu noch Tools und Techniken kommen, die immer besser werden und ich mich dieser annehme und sie ausprobiere, werde ich keine Probleme mehr haben.

Das zeigen zahlreiche Beispiele. Und das sind diese, wo der Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird. Wichtig ist, mit der Zeit zu gehen und dementsprechend potenzielle Mitarbeiter dort abzuholen, wo sie sich befinden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Nachdem Motto “Wer aufhört zu lernen, hört auf zu leben” bildet sich Lasse stetig über die neusten Digitalisierungs-Trends fort und teilt sie auf morethandigital. Er leitet das Performance Marketing Institut und gründete als Co-Founder das Gorilla CRM. Für seine Arbeit erhielt er den Mittelstand-Preis für bestes Marketing und den Excellence Award vom mehrfachen Besteller-Autor Hermann Scherer.

Kommentare sind geschlossen, aber trackbacks und Pingbacks sind offen.