8 Tipps zum Überleben in der virtuellen Welt – Psychohygiene und Digitale Semantik

Eine Anleitung für dummies und zum Glücklich-werden in einer virtuellen Welt

Wir kennen das: Starren auf den Bildschirm, mit den Augen nach oben scrollen zum Menü, nach rechts zu den Video-Icons, nach unten zum Menü, nach rechts unten zum Chat, nach links mittels Cursors zum Computer-Menü usf. Unsere Augen überwachen ständig etwas, obzwar wir doch in eine Unterhaltung mit einem Gegenüber vertieft sind. Tun wir dies im analogen Raum, so sind wir beruhigt: wir haben Routine, die Situation zu deuten mit Augen und anderen Sinnen sowie Intuition.

Passend kommt da auch die Wortherkunft von analog und virtuell daher. Analog wird übersetzt als «der Vernunft nach» und ist eigentlich die Essenz dessen, was wir in diesem Kontext als Konversation («zusammen verkehren») verstehen. Das Wort virtuell dagegen lehnt sich an Tüchtigkeit an und das lateinische vir (=Mann). Mit dem Virtuellen als Alltagsrealität ist also ein Mehr an Arbeit verbunden – dem ist nicht zu widersprechen.

Zugestehen müssen wir uns aber ehrlicherweise, dass wir in dieser virtuellen Welt noch viel zu Lernen haben. Wie funktioniert das also, was virtuell «passiert»?

1. Virtualität ahmt das Analoge nach

Beispiel Unterricht

Wird virtuell unterrichtet, so wird exakt der Unterrichtsraum imitiert. Es wird eingetreten, gewartet, auf Empfang geschaltet visuell und auditiv, es wird auf eine Tafel geschaut via screen-share und sich gemeldet mit Fingerzeig. Es werden Übungen gemacht in Gruppen und es wird sich verabschiedet.

Beispiel Gespräch

Es versammeln sich Menschen, es wird gesprochen, ggf. werden «Rechte freigeschaltet», um sich beteiligen zu können, man sieht sich, vorausgesetzt, die Kamera ist an;  es gibt eine Moderation und Einzelgespräche in «Break-Out-Räumen».

Beispiel Einkaufen

Wir sehen eine Auslage, meinst in der Mitte. Rechts ist der Einkaufskorb; links und/oder oben kann man Vorlieben wählen wie Grösse, Farbe, Beschaffenheit, ein Nahrungsmittel etc. Anfassen kann man durch Anklicken, Hinausgegangen aus dem Laden wird unten rechts.

Beispiel Gamen

Hier ist der grösste Neuigkeiten-Aspekt verborgen: Das Spiel «macht» mit uns wie einst der Würfel, der über das Geschick entschied. Das Spiel erlaubt allerhand virtuelle Belohnungen und Genüsse wie (angenehme oder unangenehme) Gefahren, Geschicklichkeitsanforderungen, Belohnungen und damit verbundene Rangplatzierungen.

Wir ahnen schon, der Aufbau der Website – das User Interface – ist ähnlich und fast intuitiv wie das echte Leben.

2. Zur Imitierung des Analogen werden virtuelle Steuerungsinstrumente genutzt

Mit dem oben erwähnten «Menü» werden Handlungen wie Betrachten, Gehen, Agieren, Sprechen, Interagieren gesteuert. Komplexer wird die Steuerung, wenn mehrere Ebenen übereinander geschaltet sind:

  1. Die Computer-Steuerung (Betriebssystem) erlaubt dem Computer erst das Funktionieren;
  2. Programmen, die wir «offen» haben wie Safari, Word, Power Point etc.;
  3. Auf Zusammenarbeit angelegten Applikationen, die eine in Echtzeit erlebte Interaktion ermöglichen und zwischen denen wir hin und her schalten.

Mit emotionalen Features wie Smileys und Icons wie klatschenden Händen können Emotionen mehr oder weniger spontan geäussert werden. Diese lockern auf und erlauben Reaktionen auf das Gesagte oder Gehörte fast wie im «richtigen Leben».

3. Die Virtualität macht die Person zur virtuellen Person

Was wir tun und wer wir sind, ist in einem Profil gespeichert. Beginnen wir mit einer Applikation – also einer Handreichung, um etwas zu erzielen – müssen wir uns selbst mit einem Profil zu Existenz verhelfen: wir müssen dieses «einrichten»: Name, ggf. Zahlungsinformationen (die Verschiebung vom Analogen ins Virtuelle kostet, da Dienstleistung uns dies ermöglichen), Kontaktdaten, Präferenzen, Einstellungen z.B. bzgl. Datenschutz und -freigaben etc.  Damit sind wir als Person im Virtuellen geboren und existenzfähig.

Wie im echten Leben speichert das System unsere Handlungen: Erinnern tut sich das System an alles, was wir einmal getan haben: Einstellungen, Kleidergrössen, Vorlieben, Kontakte, versendete Dokumente. Per Video werden ganze Handlungen aufgezeichnet, so dass handschriftliche Mitschriften – theoretisch – überflüssig werden.

4. Herausforderungen an den analogen Menschen (wir)

Unsere Herausforderung besteht darin, dass ohne Einschalten des Computers/der Nutzung des Smartphones nichts «sichtbar» ist. Haptisch ist nicht vorhanden, was «gemacht», «eingestellt» und unternommen wurde. Das ist eine Herausforderung, da mit Unsicherheit verbunden: ist alles «richtig» eingestellt, «richtig» gespeichert und wenn, wo auffindbar? Dies hat Potential, Stress auszulösen.

Anspruchsvoll wird es bei der Hinterlegung von Passwörtern, verschiedenen Profilen und letztlich auch: beim Löschen von Profilen und von Inhalten. Wir scheinen also einer gewissen Autonomie beraubt, was Stress, Beschämung oder Angst auslösen kann (ähnlich auch Armin Nassehi im Buch «Muster» über die Speicherung und Verarbeitung von Daten als kulturellem Muster).

Zusätzlich zu dieser Beklommenheit wirkt, dass auch die verschiedene Fundorte von Spuren unklar oder verwischt sein können, ja besonders, dass ganze Inhalte und Aussagebündel generiert werden aufgrund der «Datenspur» – also der nicht sichtbaren/haptisch fassbaren Handlungen. Und dass diese Inhalte für andere les- und nutzbar sind. Gemeint sind die «Datenkraken» genannten und mit Misstrauen befrachteten (sozialen) Online-Dienste wie Google und Facebook. Genug Material also für Ängstliche, Skeptiker und Verschwörungstheorieanhänger*innen.

5. Tipps zur persönlichen Re-Balance mit der virtuellen Welt

Es gibt kein Zurück, aber ein Gewöhnen und Sicherheit-Gewinnen in der virtuellen Welt geben.

Natürlich wirkt eine «Wald-Dusche» beruhigend oder eine Meditation. Wir wollen jedoch beim Thema analog-virtuell bleiben und fassen somit folgende Tipps für eine virtuelle Psycho-Hygiene zusammen.

Tipp 1 – Status Quo identifizieren

Vergegenwärtigen Sie sich, was Sie schon können – virtuell. Welche Fehlerquellen kennen sie aus Erfahrung bereits? Ja, ein falscher Browser kann für ein Problem verantwortlich sein; bei einer Einrichtung hat man möglicherweise ein Häkchen zu setzen vergessen, deshalb ist etwas partout nicht hinterlegt, oder man hat übersehen, dass die Buttons «Wahl» und «Abbrechen» vertauscht sind und statt links rechts bestätigt und somit abgebrochen oder «nicht gespeichert», oder sie haben eine Eingabe mit Leerstellen statt Komma getrennt. Aber schliesslich haben Sie es kapiert, nicht? Das ist Lernen und darauf sollten Sie stolz sein! Denn nichts Anderes ist IT.

Tipp 2 – Strategien anpassen

Verlassen Sie sich nicht auf Ihre Old-School-Strategie, etwas möglichst gründlich nachschauen zu wollen. Online-Handbücher (analoge gibt es eh keine mehr) taugen meist wenig, weil sie nicht direkt genug den Zugriff zur Problemlösung ermöglichen. Oder zumindest keine Geduld mehr mit diesem analogen Medium vorhanden ist, wo wir gerade Durchschritte mittels Stichworten und exakte Problemlösungsstrategien erwarten.  Online-Tutorials können da helfen, aber kranken oft daran, dass sie entweder englisch sind (wozu man nicht immer Lust verspürt) oder sich auf eine Betriebsversion, die man just selber grad nicht hat, beziehen. Rufen Sie Ihren Hilferuf doch einfach ins Netz, und zwar einem ganzen Satz: «Wie richte ich die Moderatorenfunktion bei zoom ein». Paradox, aber korrekt:  Digitale Netze antworten präziser auf eine Frage mit mehreren Worten als auf ein nur ins Netz geschicktes «zoom moderation», allenfalls ergänzt um «Problem».

Auf diese Weise entdecken Sie spannende Antworten in Foren oder aus Fachzeitschriften.

Tipp 3 – Zeiten definieren

Definieren Sie gelegentliche, aber regelmässige Rand-Zeitfenster, wo Sie sich um IT-Probleme oder initiale Anwendungsprobleme kümmern. Und zwar nur um diese. Also weitab vom Alltagsgeschäft. Dies entstresst, denn es können mit entsprechender Zeit Problemlösungen erwirkt werden.  Im normalen Alltag gibt es diese notwendigen Fenster für Problemlösungen oder initiale, d.h. auch langwierige Erstanwendungen nicht. Und unterschätzen Sie niemals den Zeitrahmen. IT – also die virtuelle Welt in Ihrem Alltag – verlangt sehr viel echte Zeit von Ihnen. Unter einem halben Arbeitstag versuchen Sie es am besten gar nicht. Und haben Sie schwerwiegende Probleme, zögern Sie nicht, gegebenenfalls Hilfe zu suchen statt das Problem in die Länge zu ziehen.

Tipp 4 – Grenzen ziehen

Ziehen Sie Grenzen: Fokussieren Sie sich – wenn auch schweren Herzens –  auf eine bestimmte Anzahl von Programmen und Apps, die Sie nutzen. Es gibt immer noch tollere, die Ihnen empfohlen werden. Aber Sie bewegen Sie im Virtuellen immer am Rand einer Überforderung. Programme, die man nicht nutzt, sind wie Kleider, die den Schrank verstopfen. Schreiben Sie auf, welche Programme unumgänglich sind und Ihnen «gut passen», d.h dienen, und auf diese fokussieren Sie sich. Die nächsten ultra-coolen Apps können Sie dann im nächsten Leben nutzen!

Tipp 5 – Sich daran gewöhnen

Gewöhnen Sie sich an Ihre virtuelle Existenz. Kleben Sie ein paar ausgedruckte Fotos Ihrer Online-Profil-Fotos auf die Wand. Sie existieren nun doppelt: in «echt» und in der virtuellen Welt. In beiden Welten sind sie präsent und werden wahrgenommen. Sogar mit verschiedenen «Ich’s». Diese dürfen ruhig unterschiedlich sein, dürfen aber nicht einer gewissen Konsistenz entbehren, sonst sind Sie unglaubwürdig.  Nun sind Sie schon so weit virtueller Profi, dass Sie selbstverständlich ansprechende und sympathische und zweckdienliche Fotos von sich für Profile verwenden. Freuen Sie sich an den schönen Fotos.

Tipp 6 – Kreativ werden

Geniessen Sie die Erweiterung Ihrer analogen Existenz: Nutzen Sie Möglichkeiten zur Personalisierung kreativ. Können Sie einen persönlichen Hintergrund wählen in der Online-Konferenz: tun Sie dies. Können Sie Ihr Foto bearbeitet: hübschen Sie es auf. Unterschiede zwischen analog und virtuell ist selbstverständlich. Keiner erwartet eine 100%-Übereinstimmung Ihres Profilfotos mit Ihrem echten Antlitz. Bloss krasse Unterschiede sollten Sie vermeiden sowie Symbolbilder oder gar keine Bilder.

Tipp 7 – Analoge Versionen abbauen

Let go. Verzichten Sie auf Ausdrucke von digitalen Inhalten. Wer hat ernsthaft schon einmal eine Fotopräsentation ausgedruckt und nochmal durchgearbeitet? Und wenn, dann nur mit mindestens 4 Frames auf einer A4-Seite. Wollen Sie die Aufzeichnung eines Gesprächs wirklich noch einmal ansehen? Verlassen Sie sich darauf, dass sich wirklich Wichtige bereits in Ihrem Gedächtnis abgesetzt hat. Verlassen Sie sich auf die automatisierte und sehr perfekte Funktion Ihres Gehirns. Und sollten im schlimmsten Fall alle Stricke reissen, findet sich oft noch irgendwo im Netz mit zusätzlicher Profihilfe doch noch eine Version. Aber nur im Notfall und der ist selten.

Tipp 8 – Erfahrungsschatz nutzen

Seien Sie sich gewahr darüber, wie viel Erfahrungswissen Sie bereits – ja, auch im Virtuellen – besitzen. Auch wenn es vielleicht noch nicht so gefühlt ist und noch nicht so schnell von der Hand geht, wie wenn Sie sich gänzlich ohne sich bewusst orientieren müssen, virtuell bewegen; sie können schon viel. Und Profis sind auch nur Menschen. Und IT-Cracks auch. Die obengenannten Strategien helfen Ihnen, sich auf Ihr Potential und Geleistetes zu konzentrieren: Sie sind mit Sicherheit schon ein halber Profi in der virtuellen Welt.

Führungscoach, Sparring-Partnerin für Kommunikations- und Teamförderung, Dozentin, Moderatorin, NEW-WORK-Speakerin Ich bin eine kommunikationsstarke & mehrsprachige Macherin mit Freude am Teilen von Erfahrung. Ich schöpfe aus einem reichen Netzwerk an innovativen & starken Persönlichkeiten. Ich begleite Teams in ihrer Entwicklung für klare Kommunikation & berate bei Führungs- und Diversity-Fragen. Spezialgebiete sind Neue Arbeitswelt (Kompetenzen & organisationaler Wandel) & der Umgang mit Wissen. Meine Vision Brücken bauen und gemeinsam Neues lernen.

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