Digitale Barrierefreiheit erklärt – Warum und für wen ist sie wichtig?

Zugänglich für alle – auch online.

Digitale Angebote müssen für alle Menschen zugänglich sein – unabhängig von körperlichen, temporären oder situativen Einschränkungen. Dieser Text zeigt, was Barrierefreiheit bedeutet, wen sie betrifft und wie man sie umsetzt.

Was ist digitale Barrierefreiheit?

Digitale Barrierefreiheit bedeutet, dass digitale Produkte – etwa Websites, Onlineshops oder Apps – für alle Menschen, also auch Menschen mit Behinderung, in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. (§4 BGG).

Es sollen keine Barrieren bestehen, die eine Nutzung des gesamten Produktes oder einzelner Teile davon verhindern.

Alle Menschen sind unterschiedlich und haben verschiedene Vorgehensweisen, Bedürfnisse und Fähigkeiten.
Ein barrierefreies digitales Produkt muss daher so gestaltet sein, dass seine Nutzung für eine möglichst große Bandbreite an Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten möglich ist.

Das bedeutet, dass die Art und Weise, wie ein Produkt gestaltet wird, und die Fähigkeiten eines Benutzers, das Angebot wahrzunehmen und zu bedienen, zusammenpassen müssen.

Wenn diese beiden Aspekte nicht passgenau aufeinandertreffen, gibt es an der Schnittstelle von Mensch und Computer eine Diskrepanz und es entstehen Barrieren, die eine Person von der Nutzung eines Produktes ausschließen.

Darstellung des Zusammenspiels zwischen Nutzenden und digitalen Angeboten.
Darstellung des Zusammenspiels zwischen Nutzenden und digitalen Angeboten. – Source: Materna, Nadja Fecher

Hier kommen bei der Gestaltung von Angeboten die Prinzipien des Inclusive Design ins Spiel. Wir müssen versuchen, unsere Produkte so zu gestalten, dass sie für möglichst viele verschiedene Gruppen von Nutzenden nutzbar sind.

Wer braucht digitale Barrierefreiheit?

Die Menschen, die auf digitale Barrierefreiheit angewiesen sind, sind genauso vielfältig, wie die Gründe dafür.

Und: Es betrifft mehr Menschen, als wir denken.

Menschen mit Behinderung

Zuallererst ist Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung essenziell wichtig.
Sie sind dringend darauf angewiesen, dass bei der Gestaltung von Produkten auch die Barrierefreiheit mitgedacht wird. Andernfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass das Produkt Barrieren enthält, die für den „Ideal-Standard-Nutzer“ keine Rolle spielen und deshalb bei der Entwicklung nicht als Problem auffallen. Für Menschen mit Behinderung ist das Produkt aber nicht nutzbar, weil ihre Bedürfnisse bei der Planung nicht bedacht wurden. Ein großer Aspekt ist hier die Tastaturbedienbarkeit. Die meisten Menschen benutzen eine Maus, und so fällt es oft nicht auf, wenn die Seite nur mit einer Maus bedient werden kann und weitere Eingabemöglichkeiten nicht funktionieren.

Was ist Behinderung?

Laut Sozialgesetzbuch wird Behinderung als körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigung definiert, die einen Menschen in Wechselwirkung mit umweltbedingten Barrieren an einer gleichberechtigten Teilhabe länger als sechs Monate hindern kann. (Quelle: § 2 SGB IX – Einzelnorm)

Wie viele Menschen sind betroffen?

Nach den Zahlen des statistischen Bundesamtes leben in Deutschland rund 7,9 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Dabei ist Schwerbehinderung definiert als ein Grad der Behinderung (GDB) von mindestens 50 Prozent.

Das allein sind schon rund 10 Prozent der Bevölkerung.

Liegt eine Behinderung schon weit früher vor, wird der Kreis der betroffenen Personen größer:

In Deutschland leben mehr als ein Drittel der Menschen ab 18 (36,1 Prozent) mit einer Beeinträchtigung, die sie bei Alltagsaktivitäten einschränkt. (Quelle: GBE – Einschränkungen bei Alltagsaktivitäten (ab 18 Jahre) )

Menschen mit temporärer Beeinträchtigung

Menschen mit Behinderung haben demzufolge in individueller  Weise eine dauerhafte Beeinträchtigung ihrer Fähigkeiten. Beeinträchtigungen sind nicht immer sichtbar.

Neben permanenten Beeinträchtigungen – wie etwa Blindheit, Schwerhörigkeit oder Lähmungen – gibt es auch temporäre Beeinträchtigungen.

Ein Beispiel für eine temporäre Beeinträchtigung ist ein gebrochener Arm.

Die Ursache der Beeinträchtigung ist zwar keine Behinderung, aber in ihrer Auswirkung, nämlich, dass der Arm für die Dauer der Heilung nicht benutzt werden kann, unterscheiden sich temporäre und permanente Beeinträchtigung nicht voneinander.

Ist ein Produkt nun so gestaltet, dass es von einer Person mit einem Arm bedient werden kann, hilft das in beiden Fällen, unabhängig vom Grund der Beeinträchtigung.

Menschen mit situativer Beeinträchtigung

Neben permanenten und temporären Beeinträchtigungen gibt es auch noch situative. Damit gemeint sind Alltagssituationen, in die jeder von uns kommen kann, die die Umstände erschweren, in denen wir unsere Aufgaben bewältigen müssen.
Ein Beispiel, das bestimmt schon jeder mal erlebt hat, ist ein spiegelndes Handydisplay im prallen Sonnenschein. Wir würden gern die Infos in der App sehen, aber der Text hebt sich nicht ausreichend vom Hintergrund ab, deshalb wird das Lesen sehr schwer.

Oder wir müssen unter hohem Zeitdruck ein langes und komplexes Formular ausfüllen. Auch in dieser Situation hilft es, wenn beim Design auf Barrierefreiheit geachtet wurde: Das Formular ist verständlich aufgebaut, bietet Unterstützung bei den Eingaben und Hilfe bei Fehlerkorrektur, sodass wir unserer Aufgabe einfacher lösen können.

Warum ist Barrierefreiheit wichtig?

Wie die vielfältigen Situationen und Beeinträchtigungen zeigen: Barrierefreiheit ist kein Randgruppenthema, sondern betrifft uns alle.

Produkte, bei deren Gestaltung und Umsetzung die Grundsätze der Barrierefreiheit beachtet wurden, erreichen mehr Menschen.
Sie sind benutzbar für Menschen mit Behinderung, die zwingend auf die Barrierefreiheit angewiesen sind. Darüber hinaus bieten sie Vorteile für alle Nutzenden.

Ein Beispiel dafür sind Videos mit Untertiteln. Die Untertitel sind unverzichtbar für schwerhörige und gehörlose Menschen, um den gesprochenen Inhalt erfassen zu können.
Aber nicht nur sie profitieren davon: Daten aus Großbritannien zeigen, dass mittlerweile 85 Prozent der Netflix-Nutzenden Untertitel eingeschaltet haben während sie schauen. Sei es, weil sie eine Fremdsprache lernen und die Untertitel sie dabei unterstützen, oder weil sie sich weniger auf die Handlung konzentrieren müssen, wenn sie mitlesen können. (Quelle: Netflix and Captions.)

Barrierefreiheit ist gut für SEO: Suchmaschinen kann man sich auch als blinde Nutzende vorstellen. Sie können Textinhalte erfassen und alle anderen Inhalte nur, wenn diese über geeignete Textalternativen verfügen. Darüber hinaus ist der semantische Aufbau der Seite maschinenlesbar. Eine barrierefrei gestaltete Seite, in der auch die Semantik beachtet wurde, wird von Google besser bewertet.

Auch wichtig, sollte aber nicht der einzige Treiber sein: Gesetzliche Anforderungen.

In den letzten Jahren ändert sich auch zunehmend der gesetzliche Rahmen für die Anforderungen an digitale Produkte.

Öffentliche Stellen müssen schon seit 2021 gesetzliche Vorgaben hinsichtlich Barrierefreiheit erfüllen. Im privatwirtschaftlichen Bereich tritt am 28. Juni 2025 das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Kraft. Damit rückt Barrierefreiheit immer weiter ins Licht der Öffentlichkeit und in absehbarer Zeit wird es ein Wettbewerbsnachteil sein, das Thema zu ignorieren.

Wie ist Barrierefreiheit umzusetzen?

Zuerst einmal: Digitale Barrierefreiheit ist keine Raketenwissenschaft!

Ein Produkt muss so gestaltet sein, dass es verschiedene Wege und Möglichkeiten gibt, darauf zuzugreifen und damit zu interagieren. Und es muss verständlich sein.

Digitale Barrierefreiheit entsteht durch Beachtung vieler einzelner Aspekte und kleiner Punkte, von denen nicht jeder für alle Benutzergruppen relevant ist, die aber in der Summe das Produkt für viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten nutzbar machen.

Dabei gilt: Je früher im Entwicklungsprozess wir die Barrierefreiheit im Blick haben, desto besser kann es gelingen sie umzusetzen.

Barrierefreies Design lässt sich auch gut mit einem Hausbau vergleichen: Wenn das Haus fertig gebaut ist und man dann auf die Idee kommt, dass es schön wäre einen Keller zu haben, wird es schwierig und teuer. Wenn Barrierefreiheit von Anfang an bei der Produktentwicklung beachtet wird, ist das wesentlich günstiger als ein Umbau am Ende.

Die vielfältigen Anforderungen die sich aus der Barrierefreiheit ergeben, sind in Normen und Standards zu finden, auf die sich auch die Gesetzgebung zur Barrierefreiheit bezieht. Sowohl seit 2021 im öffentlichen Sektor als auch ab Juni 2025 in der Privatwirtschaft.

Zu nennen sind hier die EN 301 549 (Barrierefreiheitsanforderungen für IKT Produkte und Dienstleistungen) und die WCAG (Web Content Accesibility Guidelines).

Der wichtigste Schritt am Anfang: Barrierefreiheit braucht ein Mandat!

Barrierefreiheit ist eine Teamaufgabe, die nur durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten im Softwareentwicklungsprozess erfolgreich gemeistert werden kann. Jede Rolle muss mit unterschiedlichen Aufgaben zum Gesamterfolg beitragen.

Für die meisten Teams ist das Thema neu. Und dadurch, dass es so viele verschiedene Aspekte zu bedenken gibt, kann es am Anfang überwältigen und überfordern.

  • Machen Sie sich klar, welches Ziel Sie erreichen wollen oder müssen. Gelten gesetzliche Regelungen, die zu erfüllen sind? Welche sind das?
  • Welche Teile Ihres Angebotes sind in welcher Weise betroffen? Haben Sie Dokumente oder andere Inhalte, wie beispielsweise Video oder Audio, die Sie barrierefrei gestalten möchten?

Aus diesen Überlegungen leiten sich alle weiteren Schritte ab:

  • Machen Sie die Anforderungen von Anfang an sichtbar. Was bedeutet Barrierefreiheit bezogen auf jedes einzelne Feature? Was muss man dafür tun?
  • Haben alle Beteilige das für sie notwendige Wissen? Welche Schritte sind notwendig, um ans Ziel zu kommen?
  • Barrierefreiheit ist ein kontinuierlicher Prozess, kein Projekt mit festem Enddatum.
    Sie muss fester Bestandteil unserer täglichen Arbeitsweise werden und begleitet uns entlang des kompletten Produktlebenszyklus.
  • Auch kleine Verbesserungen machen schon viel aus. Wir müssen nicht alles sofort perfekt machen, nur jeden Tag ein bisschen besser werden.

 

Autorin: Nadja Fecher, Accessibility Expert bei Materna

The Materna Group realizes sustainable IT and digitization projects for customers from large corporations, medium-sized companies, and public authorities. In 2024, Materna generated a turnover of 710 million euros with around 4,500 employees worldwide. Know-how and expertise are bundled in four strategic areas: Artificial Intelligence, Human x Digital, Platform-based Transformation, and Business Resilience. With Artificial Intelligence, Materna enables automated processes, data-driven decision-making, and innovative business models. Human x Digital stands for technologies that empower people, enable intuitive interactions, and make work more efficient. Platforms form the core of digitization by connecting data, processes, and services for greater agility and scalability. With a comprehensive Resilient Cloud Strategy, Materna helps companies effectively tackle threats, ensure cybersecurity, and secure long-term stability as well as digital sovereignty.

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