Wenn Einfachheit dumm macht
Warum zu viel Usability unsere digitale Selbstständigkeit bedroht
Digitale Dienste sollen unser Leben erleichtern – und tun das auch. Doch mit jeder Vereinfachung geht Wissen verloren. Warum die grenzenlose Bequemlichkeit der Technologie uns träge macht und wie wir wieder mündiger mit ihr umgehen können.
Index
Vom Basteln zum Bestellen
Früher, wenn man zocken wollte, war das nicht einfach nur ein Klick auf „Download“. Das war ein Projekt. Man musste sich erstmal irgendwo einen Computer zusammenbauen. Teile kamen von Freunden, aus Anzeigen in Computerzeitschriften oder aus Läden, die eher wie Werkstätten aussahen. Drinnen roch es nach altem Kaffee und Staub, auf dem Tresen lagen Motherboards neben Disketten, und alles war irgendwie improvisiert. Dann ging das Gefrickel los: Jumper setzen, BIOS prüfen, Lüfter anschrauben, hoffen, dass nichts raucht. Und natürlich eine gecrackte Windows-Version installieren. Die kam von irgendwelchen alten Warez-Plattformen, irgendwo heruntergeladen, entpackt, und dann lief beim Start der Crack-Programme erstmal diese typische 8-Bit-Musik im Hintergrund – so eine Mischung aus nervig und hypnotisch. Wenn etwas nicht funktionierte, half nur das Ausschlussverfahren oder panisches Posten in Computerforen, in der Hoffnung, dass jemand antwortet. Und wenn das Ding dann endlich lief, war das fast wie ein Ritterschlag. Man hatte sich das hart erarbeitet.
Heute klickt man irgendwo auf „Gaming-PC – sofort lieferbar“, das Ding kommt morgen per Post, und alles ist fix und fertig. Einschalten, anmelden, loslegen. Kein Aufwand, kein Stress, keine Ahnung nötig. Funktioniert einfach. Der Aufwand, den man früher selbst hatte, wird heute einfach an vermutlich schlecht bezahlte Arbeiter ausgelagert, irgendwo in Lagerhallen oder Fertigungsstraßen, in denen Menschen tagtäglich das zusammenschrauben, was wir bequem im Wohnzimmer auspacken.
Komfort ohne Kompetenz
Auch die Spieleinstallation ist heute ein Witz gegen früher. Statt stundenlanger Setups von CDs und dem Warten auf Patches und Seriennummern klickt man heute einfach einmal in Steam oder Battlenet, und das Spiel ist kurz darauf startklar. Und was man da kauft, besitzt man nicht mal wirklich. Digitale Spiele lassen sich nicht weiterverkaufen, nicht verschenken, nicht verleihen. Man zahlt für die Nutzungsrechte – und wenn die Plattform dichtmacht oder das Spiel entfernt wird, ist es weg.
Klar, das nennt man Usability. Und die Idee dahinter ist erstmal gut. Technik soll sich an den Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Niemand will sich durch zehn Installationsfenster kämpfen, wenn es auch mit einem Klick geht. Aber irgendwo kippt das Ganze. Denn je einfacher alles wird, desto weniger müssen wir uns mit irgendwas auseinandersetzen. Wer früher noch gelernt hat, was eine Grafikkarte überhaupt tut, kennt heute nur noch „RTX irgendwas, teuer = gut“.
Verlust der Selbstwirksamkeit
Das größte Problem daran: Wir müssen uns für nichts mehr wirklich anstrengen. Und wenn doch mal etwas nicht sofort klappt, sind wir sofort raus. Dann ist das Produkt „schlecht“, die App „unbrauchbar“ und die Website „nervig“. Dass vielleicht einfach unser Gehirn nicht mal fünf Sekunden Geduld hat, kommt uns gar nicht in den Sinn. Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, etwas selbst zu schaffen, wird immer seltener. Und ja, ich nehm mich da nicht raus. Wenn irgendwas keine PayPal-Option hat, bin ich auch oft direkt genervt.
Bequemlichkeit als Treiber des Massenkonsums
Was dabei passiert: Wir konsumieren mehr. Weil es so verdammt einfach ist. Früher ist man für ein Computerteil durch mehrere Stadtteile gefahren, hat sich beraten lassen, Preise verglichen, das Teil eingebaut, getestet, Fehler gesucht. Heute bestellt man einfach das günstigste Modell aus irgendeinem Shop, in dem alles gleich aussieht. Ja, das spart Geld. Aber es nimmt dem ganzen Prozess auch die Seele. Es wird zu einer anonymen Transaktion. Und während wir eh schon durch die Seiten klicken, hauen wir noch auf fünf Cookie-Banner „akzeptieren“, ohne auch nur zu merken, dass wir damit gerade einen Großteil unserer digitalen Privatsphäre verscherbeln.
Und es bleibt nicht beim Einzelnen. Wenn eine ganze Gesellschaft keine Reibung mehr aushält, keine Geduld mehr übt, nichts mehr selber machen will, dann hat das Konsequenzen. Wir verlernen mit Problemen umzugehen. Wir verlernen Dinge zu hinterfragen. Und wir werden immer abhängiger davon, dass alles sofort schön und einfach ist.
Wenn Einfachheit zur Belastung wird
Und noch etwas: Diese ultra-optimierte Usability hat nicht nur Einfluss auf unseren Kopf, sondern auch auf unsere Umwelt. Denn was sich einfach kaufen lässt, wirft man auch einfach wieder weg. Wenn man ein Produkt nicht mehr als etwas versteht, das Arbeit, Ressourcen und Zeit gekostet hat, sondern nur als eine weitere Bestellung unter vielen, dann verliert es an Wert. Das Ergebnis: Immer mehr Elektroschrott, mehr kurzlebiger Kram, mehr Plastikmüll, mehr Dinge, die nach einmal Benutzen im Schrank verrotten oder gleich im Müll landen. Vor allem Billig-Plattformen mit maximaler Usability und minimalem Preis wie Temu, Wish, Shein und wie sie alle heißen, sind Paradebeispiele dafür, wie man Menschen durch Bequemlichkeit zu umweltschädlichem Massenkonsum verführen kann.
Zwischen Usability und Verantwortung
Kann man was dagegen tun? Vielleicht. Klar, es gibt Leute, die basteln noch. Die bauen sich eine Wetterstation mit einem Raspberry Pi. Die installieren ihr Linux selbst und wissen, was ein Terminal ist. Aber das sind die Wenigen. Der große Rest hat schon bei der Druckerinstallation verloren. Drucker sind mittlerweile sowas wie der Endgegner der modernen Welt. Und keiner kommt daran vorbei.
Natürlich ist bessere Usability nicht automatisch der Teufel. Im Gegenteil: Gerade in der Verwaltung sieht man ja, wie dringend wir funktionierende digitale Lösungen bräuchten. Was da bisher oft als „Online-Service“ verkauft wird, ist häufig eher eine digitale Zettelwirtschaft mit Login-Hölle. Da wäre echte Usability ein Segen. Und auch die Barrierefreiheit darf man nicht vergessen: Für Menschen mit Einschränkungen ist gute UX oft der Unterschied zwischen Teilhabe und komplett ausgeschlossen sein.
Fazit
Das Problem ist nicht, dass Dinge einfacher werden. Das Problem ist, dass wir alles gleich maximal einfach machen wollen – vom nächsten T-Shirt bis zum 200-Stunden-Spiel. Je einfacher der Konsum, desto mehr verschwindet das Gefühl, überhaupt noch irgendwas selbst zu schaffen. Wir werden nicht mündiger, sondern glattere Konsumenten. Und genau da liegt die Gefahr: Wer nur noch kauft, klickt und konsumiert, verlernt irgendwann, was es heißt, selbstwirksam zu sein.
Vielleicht müsste man einfach unterscheiden: Usability da, wo sie wirklich gebraucht wird, um Barrieren abzubauen, um die Verwaltung zu vereinfachen, um für echten Zugang zu sorgen. Aber nicht als Dauerbeschleuniger fürs sinnlose Konsumieren und Wegklicken. Denn am Ende ist nicht die Usability das Problem, sondern wie wir sie einsetzen.
Autor: Julian Groll, Lead UI / UX Designer bei Materna

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