Digitalisierung der Versicherungsbranche – In Wellen zum Ökosystem

In der Versicherungswelt geht es zukünftig nur noch um Ökosysteme

Willkommen im Jahre 2020. Willkommen in der neuen Dekade. Die neuen 20er Jahre werden die Dekade der Versicherungsbranche, da bin ich mir ganz sicher. Wie bereits in meinem ersten Artikel angedeutet, wird dies sehr viel mit „Digitalisierung“ und „Ökosystemen“ zu tun haben. Erlauben Sie mir einen kurzen Ausflug zum Kern der Versicherungsbranche, bevor ich dann auf Ökosysteme zu sprechen komme.

Warum die Versicherungsbranche so wichtig ist

Die Versicherungsbranche befriedigt eines der wichtigsten und elementaren Bedürfnisse eines Menschen: das Bedürfnis nach Sicherheit.

Zwar bin ich kein Versicherungshistoriker, aber verschiedenen Quellen zur Folge gab es bereits vor tausenden von Jahren erste Frühformen von Versicherungen. Das Risiko und damit die Angst vor zum Beispiel Feuer, Krankheiten, Unwettern oder auch Tod hat die Menschen schon immer bewegt.

Ereignisse wie etwa Großbrände im Mittelalter haben die Entwicklung der modernen Versicherungsbranche nachhaltig gefördert. Die Brandgilden im 17. Jahrhundert waren damit wohl die ersten Versicherungsunternehmen.

Die virtuelle aber gefühlsintensive Dienstleistung einer Versicherung („das Versichern“) ist ein wichtiges Puzzleteil im Leben eines Menschen. Ein Versicherungsunternehmen ist damit ein wichtiger und zentraler Lebensbegleiter. Leider ist das heute fast jedem Menschen und leider auch fast jedem Versicherungsunternehmen nicht mehr so ganz bewusst.

Zudem hat etwa die Lebensversicherung vom Staat ein zentrales Mandat übertragen bekommen: Unterstützung der Bevölkerung bei der Altersvorsorge. Mit einer staatlich geförderten und privatwirtschaftlich organisierten Altersvorsorge (z.B. Riester-Rente) soll der Lebensstandard erhalten und einer Altersarmut vorgebeugt werden.

Die Branche mit dem besonderen USP

„Alle für einen“ klingt vielleicht ein wenig wie das Motto einer Hollywood-Schnulze, ist aber das Fundament der Versicherungsbranche. Auf diesem Motto basiert der sogenannte „Ausgleich im Kollektiv“. Dieser Ausgleich sorgt dafür, dass das Risiko eines Einzelnen auf die Schultern einer breiten Masse übertragen wird.

Das für ein Individuum kaum oder nicht tragbare individuelle Risiko (z.B. eines Brands in der Wohnung oder einer Berufsunfähigkeit) wird dadurch für „kleines Geld“ tragbar. Jeder im Kollektiv zahlt seinen Beitrag und das gesammelte Geld wird dann an den / die Betroffenen ausgezahlt.

Die sogenannten Tontinen gelten als die Vorläufer der heutigen Rentenversicherung. In der Reinform nimmt bei einer Tontine ein Verein, ein Unternehmen oder ein Staat gegen eine Gebühr Einzahlungen der Teilnehmer an. Das angesammelte Kapital wird dann zu definierten Zeitpunkten verzinst und an die noch lebenden Teilnehmer ausgezahlt. Eine herkömmliche Rentenversicherung zahlt ab Rentenbeginn lebenslang monatlich die vereinbarte Rente – egal wie alt man auch immer werden wird. Das ist genial. Und nur eine Rentenversicherung zahlt eine lebenslange Rente. Und dies ist eine wertvolle Eigenschaft. Die Dauer des Rentenbezugs hat sich seit 1960 bis heute verdoppelt.

Der Ausgleich im Kollektiv ist also die Superkraft und der USP der Branche.

Viele Probleme verderben die Laune (der Branche)

Leider sind mit Niedrigzins, Regulation und die ein oder andere Fehlbarkeit der Branche auch ein paar Probleme in das Paradies gebracht worden. Früher gehörte eine Lebensversicherung einfach zum Leben dazu. Vielleicht etwa so wie in den 80er Jahren Lametta am Christbaum und in den 90er Jahren die Lindenstraße am Sonntagabend.

Heute ist die Versicherungsbranche nicht mehr im Leben eines Menschen verankert. Sie ist davon losgelöst. Kundenkontakt? Ja schon, aber nur bei Abschluss, Ablauf oder unschönen Ereignissen dazwischen. Kundenbindung funktioniert heute anders.

Des Weiteren offenbaren sich auch weitere Defizite, wie etwa bei der IT-Infrastruktur. Schnelle und automatische Schadenfallabwicklung und agile Produktentwicklung sind eher böhmische Dörfer. Und auch bei der Verwaltung der Verträge gelten die meisten Versicherer eher als ineffizient und zu teuer.

Versicherungen werden nach wie vor zumeist verkauft und nicht gekauft. Der drohende Provisionsdeckel könnte dem klassischen personengebundenen Vertrieb stark zusetzen.

Diese und weitere Themen liegen der Branche nicht nur schwer im Magen, sondern sorgen bei vielen Versicherern für eine richtig schlechte Laune.

Digitalisierung als Lösung für viele der Probleme

Bis heute hält sich der Irrglaube in der Versicherungsbranche hartnäckig, dass die Digitalisierung einfach nur ein weiteres Problem ist. Und auch, dass die Branche dieses Problem stur und in der Manier der Vergangenheit einfach „abarbeiten“ kann. Doch weit gefehlt. Digitalisierung erfordert ein anderes Vorgehen. Vor allem kann die Digitalisierung bei vielen der aktuellen und hausgemachten Probleme ganz konkret helfen:

  • Einfacher (digitaler) Abschlussprozess
  • Effizientere Verwaltung der Verträge
  • Schnelle, individuelle und marktgetriebene Produktentwicklung
  • Über Social Media und Smartphone nah bei den Leuten sein

Die Technologisierung der Versicherungsbranche („InsurTech“) kommt in immer größeren Wellen über die Branche. Vor ein paar Jahren waren es die ersten Startups, die mit ihren Apps („digitale Versicherungsmanager“) den Markt aufmischen wollten. Das Ziel war es, die stark brach liegende Schnittstelle zwischen Versicherer und Endkunden zu besetzen. Heute sind es neugegründete Versicherer und sichtlich gereifte und finanziell gut ausgestattete InsurTechs.

Seit letztem Dezember hat Deutschland mit WeFox auch sein erstes InsurTech-Unicorn. Unicorn heißt zu Deutsch Einhorn. Damit wird ein Unternehmen bezeichnet, welches aktuell mit einem Marktwert von über einer Milliarde gehandelt wird. Dafür, dass das Unternehmen erst im Jahre 2015 gegründet wurde, eine absolut beachtliche Leistung. Und es scheint erst der Anfang zu sein, wenn man den Aussagen von CEO Julian Teicke Glauben schenken mag: „Unser langfristiges Ziel ist es, die grösste Versicherungsgesellschaft der Welt zu werden.„​

Zu diesem InsurTech WeFox gehört auch ein voll-funktionsfähiges Versicherungsunternehmen mit Namen „One“ – der Name ist Programm. Ich hatte in meinem Vodcast das Vergnügen mit dem Vorstandsvorsitzenden von One ein Interview der besonderen Art zu führen. Schauen Sie hier doch mal rein.

Zudem interessieren sich auch immer mehr branchenfremde Unternehmen für die Versicherungsbranche und dessen Endkunden. Die neue Welle rollt also bereits an und es geht um Ökosysteme.

Was ist ein Ökosystem?

Ein Ökosystem verstehe ich als Kooperation verschiedener Unternehmen aus verschiedenen Bereichen. Dieses Kooperationsnetzwerk hat die Absicht und den Zweck zu einem bestimmten Thema den Endkunden vollumfänglich zu bedienen.

Nehmen wir das Beispiel „Ökosystem Home“. Rund um das Thema Wohnung, Haus und Hof gibt es für einen Menschen zahlreiche ineinandergreifende Themen. Es geht dabei um Sicherheit vor Diebstahl und Einbruch. Es geht um Smart Home, also das vernetze und intelligente Haus, dass mir den Lebensalltag erleichtert. Es geht dabei aber auch um die Früherkennung von Schäden und die automatisierte Beauftragung der notwendigen Reparaturen.

Es geht bei einem Ökosystem also viel um Einfachheit und Bequemlichkeit für den Menschen. In einem Ökosystem hat natürlich auch ein Versicherer seinen Platz.

Die Zeit der einfachen Wertschöpfungskette ist vorbei. Jetzt gilt es, Teil von Wertschöpfungsnetzwerken (Ökosystemen) zu werden. Grundvoraussetzung dafür ist eine Automatisierung der Prozesse und das Ermöglichen einer einfachen Anbindung von Kooperationspartnern über automatisierte Schnittstellen (Stichwort „API“).

Warum Ökosysteme gerade für Versicherer jetzt so wichtig werden und was so alles zu einem Ökosystem dazugehört und wie ein Unternehmen das Thema am besten anpacken sollte, lesen Sie in den nächsten Artikeln. Bleiben Sie gespannt!

Frank Genheimer ist Geschäftsführer und Partner bei New Insurance Business, einer Gesellschaft für strategische und taktische Beratung von Versicherungsunternehmen und deren Kooperationspartner. Mit Stationen in Produktentwicklung, Produktmanagement, Aktuariat und Business Development in Deutschland sowie im europäischen Ausland hat er sich vom hybriden Aktuar zum Schweizer Taschenmesser der Lebensversicherung entwickelt. Sein Hauptaugenmerk liegt auf den Themen „Innovationen & Digitalisierung” sowie „Neugeschäftsstrategie”, „Produkte” und „Kooperationsmanagement”. Frank Genheimer ist regelmäßig Referent und Moderator bei Events, Seminaren und Workshops in der Finanzdienstleistungsbranche.

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