Digitale Mündigkeit als Schlüssel zur Informationsgesellschaft

In Wissen und Selbstbestimmung investieren um innovative Denkweisen zu fördern

Das Konzept der digitalen Mündigkeit verbindet Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien mit einem verantwortungsvollen Handeln im Internet. Jeder sollte frühzeitig und langfristig dazu befähigt werden, sich souverän im digitalen Raum zu bewegen. Nur durch das Schulen kritischen Denkens können Politik und Wirtschaft langfristig gesellschaftlichen Wohlstand sichern, indem sie Innovationen ermöglichen.

Das Konzept der digitalen Mündigkeit verbindet Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien mit einem verantwortungsvollen Handeln im Internet. Jeder sollte frühzeitig und langfristig dazu befähigt werden, sich souverän im digitalen Raum zu bewegen. Nur durch das Schulen kritischen Denkens können Politik und Wirtschaft langfristig gesellschaftlichen Wohlstand sichern, indem sie Innovationen ermöglichen.

Medienkompetenz und Souveränität im Umgang mit Informationen

Digitale Mündigkeit ist ein weit gefasster Begriff, der viele Aspekte beinhaltet. Er schließt Konzepte von Souveränität, Selbstbestimmtheit, Kompetenz, Offenheit, der vielfältigen Nutzung digitaler Angebote und der Fähigkeiten zur IKT-Nutzung ein. Digitale Kompetenz wird von der EU als eine der acht Schlüsselkompetenzen in einer wissensbasierten Gesellschaft angesehen, wobei sie als selbstbewusster und kritischer Umgang mit Informationen definiert wird.

Die wissenschaftliche Forschung differenziert zwischen unterschiedlichen Teilkompetenzen. Digitale Mündigkeit sollte neben grundsätzlicher Befähigung zur sicheren digitalen Kommunikation (Technical Literacy, Privacy Literacy) und kritischen Umgang mit Wissen (Information Literacy) die proaktive Nutzung der Systeme einschließen, um seiner Stimme in Gemeinschaft und Gesellschaft Gehör zu verschaffen (Social Literacy) und an der demokratischen Beteiligung und Veränderung der Systeme mitzuwirken (Civic Literacy).

Politische Partizipation selbstbewusster Bürger stärken 

Das Internet ist eine wichtige Quelle für politische Meinungsbildung. Umso wichtiger ist es ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass man sich in einem durch Technik manipulierten System bewegt, dass zudem von vielen verschiedenen Interessen – wirtschaftlich, politisch, persönlich – geleitet wird. Diese Interessen sind nicht immer klar erkennbar und zeichnen sich durch unterschiedliche Informationsebenen aus. 

Welche Erwartungen haben Bürger an den digitalen Kommunikationsraum? Laut eines Forschungsberichts des Weizenbaum Instituts ist Bürgern ist im digitalen Kontext wichtig, die Meinungen anderer zu respektieren (90 %), auf den Wahrheitsgehalt in Nachrichten zu achten (85 %), Informationen aus seriösen Quellen zu beziehen (75 %) und Hass und Hetze in Diskussionen entgegentreten (73 %). Aber obwohl mehr als die Hälfte im Internet bereits mit Hasskommentaren konfrontiert gewesen sind (54 %) , haben nur ein Drittel den Hasskommentar gemeldet (33 %) oder den Schreiber zu Respekt ermahnt (27 %). 

Es zeigt sich, dass sowohl das demokratische Grundverständnis als auch das Bewusstsein für besondere digitale Problematiken sehr hoch ist. Aber die Bereitschaft sich aktiv zu beteiligen ist eher niedrig ausgeprägt. Diejenigen, die im Internet politische Partizipationsmöglichkeiten nutzen, sind oftmals Menschen, die sich auch schon außerhalb des Internets bereits politisch engagieren.

Die Sharing-Kultur verlangt psychologische und kulturelle Kompetenzen

Die Sharing-Kultur hat die kollektive Nutzung von Internetmedien zur aktiven Verfolgung von Zielen hervorgebracht. Wie kann digitale Mündigkeit helfen sie einzuüben? Notwendig dafür ist eine sehr gute Kenntnis des digitalen Umfelds und eine individuelle Selbstbefähigung zur Interaktion im digitalen Raum. Man sollte sich seiner eigenen Möglichkeiten und Schwächen bewusst zu sein und zu verstehen, inwieweit sie durch die digitale Selbstrepräsentation und die Techniken und Logiken digitaler Kommunikationskanäle beeinflusst werden.

Oftmals liegt der Schwerpunkt bei der Betrachtung digitaler Kompetenzen stark auf handwerkliche Fähigkeiten der Beherrschung von IKT. Psychologische und kulturelle Komponenten in der Interaktion werden vernachlässigt. Diese Kompetenzen sind aber notwendig, um diverse Interessengruppen, ihre Strukturen und Mechanismen in der neuartigen Internet-Öffentlichkeit zu identifizieren und sich in ihnen zu behaupten. 

Aktiver Austausch in der digitalen Community fördert Erkenntnisgewinn

Selbstbefähigung kann nicht allein durch theoretisches Lernen erreicht werden. Aktive Teilnahme und das Sammeln von Erfahrungen im Online-Austausch sind notwendig. Selbstbefähigung ist kein Leben in der Comfort Zone, sondern auch und vor allem Grenzerfahrung und Scheitern. Eine kontinuierliche Selbstbefähigung kann selbstbewusste Akteure im digitalen Raum erzeugen, die sich aktiv für die Interessen und Anliegen einer selbstbestimmten, demokratischen Gesellschaft einzusetzen.

Mündigkeit ist bei dieser Verstandesarbeit die Verantwortung zur größtmöglichen Freiheit des Einzelnen, ohne jemand Anderem Schaden zuzufügen. Seit Kant wissen wir, dass Mündigkeit die Fähigkeit ist, sich mutig seines eigenen Verstandes zu bedienen. Den Verstand benötigen wir, um unser gemeinsames Handeln in der Welt zu organisieren, zu reflektieren und anzupassen, denn „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ („Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“) 

Mündigkeit ist vordergründig nicht die intellektuelle Befähigung des Individuums, sondern der immer wieder aufzubringende Mut non-konformer Verstandesarbeit, der nicht vom Allgemeinen, sondern vom Besonderen ausgeht. Der Gelehrte hat geradezu die Pflicht, zur Welt in seiner „uneingeschränkten Freiheit“ und „in seiner eigenen Person zu sprechen“. Wie kann dies geschehen außer durch die ständig neue Durchdringung mit gelebter Erfahrung? Er muss also seine ihm anerzogene soziale Rolle hinter sich lassen und sein Wissen ins Subjektive wenden, will er Erkenntnisgewinn erreichen.

„ … ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere weiterschreiten und die Vernunft, die uns gegeben ist, verwenden, um so gut wir eben können, für beides zu planen: nicht nur für die Sicherheit, sondern zugleich auch für die Freiheit.“ (Popper, Karl: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“)

Mündige Bürger als Voraussetzung einer freien und offenen Gesellschaft 

Mündigkeit als Prozess der Selbst- und Welterkenntnis ändert sich zwangsläufig mit der Zeit, da die Bedingungen von Gesellschaft, Wirtschaft und Technologie sich ändern. In der ästhetisierten Infotainment-Welt hat der Konsum oberste Priorität. Der gesellschaftliche Status Quo wird durch ein konformistisches Massenbewusstsein aufrecht erhalten. Um Freiheit überhaupt zu ermöglichen, ist die Erziehung von mündigen Bürgern unabdingbar. Nach Habermas ist der ideale Fluchtpunkt einer freien Gesellschaft ein herrschaftsfreier Konsensus, der im sozialen Kollektiv durch das Prinzip der vernünftigen Rede erreicht wird.

Bei Popper wird daraus der Sozialtechniker, der politische Veränderung durch Einzelschritte einer kontinuierlichen wissenschaftlichen Kritik verfolgt, ohne jemals ein totales Systemverständnis erreichen zu können. Es muss das Ziel sein, sich in einer offenen Gesellschaft auf das Unbekannte einzulassen und die Vernunft dafür zu nutzen, sowohl Sicherheit als auch Freiheit zu ermöglichen.

Digitalisierung in der Wirtschaft muss liberale Werte ernst nehmen 

In der postmodernen Informationsgesellschaft bestimmt Digitalisierung unser Leben maßgeblich – in der Hinsicht wie wir leben, kommunizieren, wirtschaften, unser Kinder erziehen, unsere Kranken pflegen und nicht zuletzt wie wir diplomatische und politische Beziehungen institutionalisieren. Die Richtung der zukünftigen Digitalisierung sollte unter demokratischer Beteiligung aller sozialen Gruppen ausgehandelt werden. Gesellschaftliche Inklusion kann aber nur ein Ideal sein, wenn kein unrealistisches Gleichheitsideal angestrebt wird, dass den Wettbewerb durch überzogene staatliche Regulierung verhindert und Anreize der Leistungsgesellschaft zunichte macht. 

Auch Unternehmen können mit Transparenzoffensiven Vertrauen sichern, digitale Mündigkeit stärken oder die Zusammenarbeit mit zivilen Akteuren verbessern. In der wirtschaftlichen Innovation muss stärker auf Diversifizierung und Denkkonzepte außerhalb der bekannten Norm gesetzt werden. Innovation ist im beschleunigten technologischen Wandel nicht länger die Ausnahme, sondern muss als dauerhafter Prozess in den geschäftlichen Prozessalltag integriert sein. So können effiziente und zugleich ethische Modelle mit Wachstumspotential entwickelt werden, die echten Wissensvorsprung garantieren und dennoch den Schutz des Menschen nicht aus dem Blick verlieren.

Dieser Text ist eine verkürze Version meines Essays über digitale Mündigkeit.

Sprach- und Europawissenschaftlerin Simone Belko engagiert sich für digitale Mündigkeit in einer vernetzten Wissensgesellschaft. Nach Stationen als PR-Managerin und Journalistin leitete sie in der Online Games Branche die Lokalisierung und das Community Management internationaler Produkte. Aktuell ist sie beim FinTech FINEXITY für Customer Experience und Content-Strategie zuständig.

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