Von analog zu digital – und wie weit zurück nach COVID?

Die Veränderung der Projektleitung und Lehrtätigkeit während Corona und danach

Neue Erfahrungen während des Lockdowns

Als am Freitag, dem 13. März 2020, in der Schweiz der Lockdown beschlossen wurde, war ich als Dozentin und Projektleiterin gleich doppelt betroffen: An der Fachhochschule war der «Kontaktunterricht» für den Rest des Semesters nicht mehr erlaubt und im Projekt wurde Homeoffice vorgeschrieben.

… als Projektleiterin

In den Wochen darauf wurde vieles möglich, was vorher nicht erlaubt oder nicht üblich war. Im Projekt, das ich leitete, war Homeoffice nur einmal pro Woche erlaubt, die restliche Zeit musste im Grossraumbüro gearbeitet werden. Als Projektleiterin hatte ich das geschätzt, denn die Kommunikationswege waren dadurch kurz und einfach. Nun musste ich die Kommunikation überdenken und neu organisieren. Meetings mussten klarer strukturiert werden. Wenn an einer Telefonkonferenz mit 7 Personen ein Thema diskutiert wird, dann sehe ich nicht, wer nickt, wer nachdenkt, sich zurücklehnt, sich gar innerlich ausklinkt oder wer als nächstes sprechen möchte. Auch eine nicht klar moderierte Videokonferenz ist oft nicht effizient.

Durch den Lockdown haben wir realisiert, wie wichtig Kommunikation in einem Projekt ist. Konkret haben wir unsere täglichen «Standups», also die täglichen kurzen Meetings, beibehalten, aber angepasst. Mit dem ganzen Team von mehr als 12 Personen erwiesen sich die «Online-Standups» als ungeeignet. Darum haben wir sie kurzerhand nur noch innerhalb der Teilprojekte durchgeführt und diese zeitlich so gestaffelt, dass aus den jeweils anderen Teilprojekten die wichtigsten Punkte kurz zusammengefasst werden konnten. Zusätzlich hatten wir einen Chat-Raum eingerichtet. Jeder und jede, die am Projekt gearbeitet hat, war immer im Chatraum, wo aktuelle Informationen unkompliziert mitgeteilt werden konnten – ähnlich wie im Grossraumbüro, wenn man kurz etwas fragt oder sagt. Der positive Nebeneffekt: auch wer nicht im Projektraum war, hat den Chat lesen können, also alle.

… als Dozentin

Technologisch war die Fachhochschule für die Umstellung gewappnet. Die Möglichkeiten für Remote-Kommunikation und -Unterricht waren schon vor Corona aufbereitet worden. Das Unterrichtsmaterial hatten die Studierenden ebenfalls früher schon vor dem Unterricht bekommen. Der einzige Unterschied war nun, dass die Folien nicht im Klassenzimmer via Beamer gezeigt und erklärt wurden, sondern am Bildschirm der Studierenden zu Hause. Auch beim Remote-Unterricht wird deutlich, wie stark ein Vortrag oder eine Vorlesung von der gegenseitigen Kommunikation lebt, selbst wenn die Studierenden «nur» dasitzen und nichts fragen. Als Dozentin spürt und vor allem sieht man in einem Schulungsraum sehr schnell, ob die Studierenden interessiert sind, ob sie nicken oder ob Unklarheiten da sind. Eine Vorlesung also 1:1 via Computer zu halten, ist anspruchsvoll. Etwas einfacher sind Übungen in Gruppen. Die Studierenden können sich in kleineren Gruppen am Bildschirm sehen und so die Übungen gemeinsam anschauen und lösen. Als Dozentin kann ich mich in die einzelnen Gruppen einschalten und so mit den Gruppen arbeiten. Im Gegensatz zum Klassenzimmer ist es mir aber nicht möglich, mir kurz einen Überblick zu verschaffen und so zu erkennen, welche Gruppe gerade Unterstützung braucht.

Im neuen Studiengang Data Science werden neue Unterrichtsmethoden eingesetzt: Die Studierenden arbeiten an Themen, die sie selber ausgewählt haben, und sind viel mehr selbstgesteuert unterwegs. Wir Dozierende sind Expertinnen und Experten, die in Sprechstunden für Fragen und Gespräche zur Verfügung stehen. In Sprechstunden sind meist nicht alle Studierende anwesend und die Studierenden sind aktive dabei, da sie den Inhalt vergeben, der erörtert wird. Die Betreuung von Studierenden remote aus dem Homeoffice war für mit in Form von Sprechstunden einfacher als in Form von Vorlesungen.

… und zusammengefasst

Der Lockdown hat mir sowohl als Projektleiterin als auch als Dozentin gezeigt, wie wichtig Kommunikation bei meiner Arbeit ist.

Gleichzeitig hat sich das Homeoffice mit seiner ungestörten Ruhe gegenüber dem Grossraumbüro vor allem für folgende Tätigkeiten bewährt und für mehr Effizienz gesorgt: Berichte schreiben, Folien für Präsentationen vorbereiten, Terminplanung, Lösungen erarbeiten, Prüfungsaufgaben erstellen, Prüfungen korrigieren etc.

Neue Möglichkeiten der digitalen Arbeit für Unterricht

Die unmittelbare Umstellung des Unterrichtens auf digital hat dazu geführt, sich der eigentlichen Aufgabe als Dozentin wieder bewusst zu werden. Meine Aufgabe ist nicht, die Studierenden während der Vorlesung zu unterhalten und dabei sicher zu stellen, dass ich den Stoff gut vermittle. Der Lernerfolg der Studierenden hängt nicht primär davon ab, wie gut meine Folien sind. Der Lernerfolg hängt viel mehr davon ab, ob und wie sich die Studierenden mit den Lerninhalten auseinandersetzen. Während des letzten Semesters habe ich gelernt, dass die Studierenden sehr wohl in der Lage sind, eigenverantwortlich zu lernen. Meine Aufgabe ist es vor allem, die Studierenden zu unterstützen und zu coachen. Der «Flipped Classroom» [Umgedrehter Unterricht] ist eine geeignete Methode dafür. Sie wird von Dozierenden bereits erfolgreich angewendet und ist verwandt mit der Methodik, die im Studiengang Data Science eingesetzt wird. Prinzipiell geht es darum, dass die Studierenden sich Lerninhalte gemäss vorgeschlagenen Lernmaterialien selbständig und in ihrem eigenen Tempo erarbeiten. Das Gelernte wird dann im Klassenunterricht angewendet und somit vertieft. Die Lernmaterialien können am einfachsten digital zur Verfügung gestellt werden. Der eigentliche Unterricht entspricht so eher einer Sprechstunde als einer Vorlesung. Als Präsenzunterricht wäre das sicher einfacher, doch auch digital ist das gut möglich.

Neue Möglichkeiten der digitalen Arbeit für Projekte

Projektmitarbeitende erledigen einen Grossteil ihrer Arbeit allein oder in einem kleinen Team. Ob sich das Homeoffice oder das Büro besser dafür eignet, hängt vor allem von der persönlichen Situation und dem persönlichen Arbeitsstil ab. Technische Massnahmen sorgen dafür, dass Mitarbeitende dort arbeiten können, wo es für sie am idealsten ist. Dazu gehören beispielsweise eine Dokumentenablage, die von überall geschützt zugreifbar ist, sowie eine transparente Planung aller Aufgaben. Dies ist in agilen Projekten üblich. Mit Tools wie JIRA (https://de.wikipedia.org/wiki/Jira_(Software)), Trello (https://de.wikipedia.org/wiki/Trello) oder plan.io lassen sich Projekte auf einem Board einrichten: Alle Projektmitarbeitenden können so alle Aufgaben sehen und ihre eigenen Aufgaben verwalten.

Zum Sammeln von Input für strukturierte Diskussionen können Methoden und Werkzeuge der agilen Projektmethodik verwendet werden wie das Retro-Tool von Pointing Poker (https://www.pointingpoker.com). Auf diese Weise können technische Werkzeuge die Kommunikation nicht nur unterstützen, sondern auch verbessern und Resultate transparent darstellen.

Grenzen der digitalen Arbeit

Obwohl viele gute digitale Möglichkeiten existieren, empfinde ich den digitalen Austausch dennoch als «zweidimensional». Ich sehe wohl via Kamera, mit wem ich spreche, doch viele Feinheiten der Kommunikation gehen unter. Begegne ich aber einem Menschen «analog», so erkenne ich, ob mein Gegenüber gesprächsbereit, müde, angespannt oder «relaxed» ist. Ein gemeinsamer Kaffee vor einer Sitzung ermöglicht oft einen hilfreichen Smalltalk, um eine Kommunikationsbasis aufzubauen und Missverständnisse zu vermeiden.

Beim Erarbeiten von Lösungen und Entwickeln von neuen Ideen bin ich persönlich am meisten auf analoge Zusammenarbeit und einen direkten Austausch angewiesen – sei es nun mit dem Stift an einer Tafel oder bei einem gemeinsamen Bier: es ist am effizientesten und macht auch einfach mehr Spass.

Schlussfolgerung

Jeder Mensch arbeitet und lernt unterschiedlich. Digitales Arbeiten respektive digitale Werkzeuge schaffen dabei neue Möglichkeiten. Wichtig ist, dass wir vermehrt die Arbeitsmethodik entsprechend dem Bedürfnis des jeweiligen Menschen anpassen – und nicht umgekehrt, nicht der Mensch ist es, der sich der Arbeitsmethodik anpassen soll.

Für Projekte bringt dies den Vorteil, dass wir zielgerichteter und effizienter arbeiten. Damit dies in Zukunft gelingt, brauchen wir nicht primär digitale Technologien, sondern ein Umdenken. Projektleitende müssen den Mitarbeitenden vertrauen können, dass diese auch zu Hause effizient arbeiten. Und jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin muss für sich entscheiden lernen, welche Arbeit wo und wie effizienter erledigt werden kann. Firmen, die davon ausgehen, dass Mitarbeitende nur dann arbeiten, wenn sie kontrolliert werden, müssen im Zuge der Digitalisierung wohl einen grösseren Kulturwandel vollziehen.

Auch für Dozierende bedeutet die Digitalisierung des Unterrichts einen Kulturwandel: Die Lehrperson steht nicht primär vor der Klasse und damit im Zentrum. Die Lehrperson unterstützt, fordert und fördert. Die Lehrperson muss Verantwortung abgeben können und darauf vertrauen, dass Studierende und Lernende selber aktiv sind und aktiv sein wollen. Sowohl als Projektleiterin als auch als Dozentin bin ich letztendlich ein «servant leader».

 

Autorin: Dr. Andrea Kennel

Dr. Andrea KennelDr. Andrea Kennel studierte und promovierte in Informatik an der ETH Zürich. Während ihrer mehr als 20-jährigen Berufserfahrung hat sie immer Praxis und Lehre kombiniert. Sie hat eine eigene Firma (www.infokennel.ch) und arbeitet hauptsächlich in Oracle DWH Projekten als Data Architect sowie als Entwicklerin oder Projektleiterin. Seit 6 Jahren ist sie auch an der Fachhochschule Brugg/Windisch (www.fhnw.ch) als Fachcoach für Projektmanagement, agile Coach tätig und unterrichtet Datenbanken mit Oracle.

Der Verband Wirtschaftsfrauen Schweiz ist eine einflussreiche Kraft auf dem Schweizer Wirtschafts- und Arbeitsmarkt mit Fokus auf Frauen und Gender Diversity. Als Kompetenz- und Netzwerkzentrum für Kaderfrauen, Unternehmerinnen und Organisationen greift er aktiv wirtschaftsorientierte Themen zu Beruf, Karriere, Weiterbildung, Umwelt und Ethik auf und engagiert sich für eine divers besetzte und nachhaltig erfolgreiche Schweizer Wirtschaft der Gegenwart und Zukunft.

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