Versicherungsbranche – Handlungsfähig auch während globaler Krisen

Blockchain und Plattformen als mögliche Lösungen für die Versicherungsbranche

Ein schneller Überblick ist in Notsituationen entscheidend

Katastrophensituationen, die sich global auswirken, können schwieriger einzuschätzen sein. Daher ist ein schneller Überblick über die Risiken, Verluste und Schäden für die Versicherer von entscheidender Bedeutung – sobald eingehende Fälle eine bestimmte Belastungsgrenze überschreiten, ist mit längeren Bearbeitungszeiten zu rechnen. Wenn der Versicherte die Leistung oder den Schutz, aufgrund dieser Überforderung nicht oder verspätet erhält, kann das in schwierigen Zeiten existenzbedrohende Folgen für den Versicherten haben.

Dies betrifft alle Versicherungssparten, insbesondere Kreditversicherungen, Restschuldversicherungen, Reiserücktrittsversicherungen, Lebensversicherungen, Eventversicherungen, Betriebsunterbrechungs- und Betriebsschließungsversicherungen.

Innovative ganzheitliche Lösungen sind gefragt

Verträge von KFZ-, Lebens-, Risiko- und Reiserücktrittsversicherungen werden bereits heute online abgeschlossen. Ein Vertragsabschluss oder eine Schadensabwicklung erfolgt in der Regel über zentrale Plattformen und integrierte Systeme von am Prozess beteiligten Parteien.

Der Informations- und Datenaustausch zwischen den Parteien ist oft nicht durchgängig automatisiert. Dies führt bei betroffenen Medienkanälen zu Brüchen im Informationsfluss. Bei der Bereitstellung von Daten und Informationen kommt es infolgedessen zu langen Prozesslaufzeiten und Verzögerungen, beispielsweise während der Bearbeitung eines Schadensfalles.

Dezentrale Plattformen und Lösungen

Intelligent vernetzte und verteilte Daten und Prozesse mittels dezentraler Plattformen und Lösungen

Die Zahl der Unternehmen, in denen übergreifende und kooperative Geschäftsmodelle eine relevante Rolle spielen, wächst zunehmend. Dies fördert das Interesse und die Bereitschaft an einem Einsatz von Plattformen und Lösungen, die mit Blockchain-/Distributed-Ledger-Technologien (DLT) arbeiten. So können intelligente Plattformen auf der Basis von verteilen Daten und Prozessen aufgebaut werden.

Blockchain-/DL-Technologien basieren auf verteilten Netzwerkstrukturen. Transaktionsdaten werden sicher, unveränderbar und dezentral gespeichert und zwischen allen Teilnehmern und Parteien verteilt. Auf diese Weise werden Daten zu Fakten.

Der Vorteil für alle Teilnehmer und Parteien ist somit eine schnellere Verfügbarkeit und Konsistenz der Daten und die Gewährleistung ihrer Echtheit.

Weshalb Blockchain-/DL-Technologien?

Der Einsatz einer dezentralen Plattform macht erst Sinn, wenn alle am Prozess relevanten Beteiligten sich für die gleiche Lösung entscheiden.

 Durch die gemeinsame Nutzung von Daten und Prozessen können durchgängige und automatisierte Geschäftsprozesse geschaffen werden. Dadurch werden Prozesslaufzeiten verkürzt, die Betriebskosten gesenkt und die Ausfallsicherheit wird auf Grund des verteilten Betriebes erhöht. Die dezentralen Prüfmechanismen und die nahezu unmöglich zu manipulierbaren Daten, stellen einen bis dato unerreichten Sicherheitsstandard dar, der das Betrugsrisiko erheblich reduziert.

Auf dezentralen Plattformen und Lösungen, die auf der Blockchain-/DL-Technologie basieren, betreibt jeder Teilnehmer seine eigene Instanz des Netzwerkes. Auf dieser befinden sich dieselben Informationen, Daten und Prozesse wie bei allen anderen Teilnehmern der Plattform und ermöglichen dadurch eine schnelle, automatisierte Prüfung auf Korrektheit und Vollständigkeit.

Integration in bestehende Systemlandschaften

 Die Daten und Prozesse der einzelnen Parteien, die auf den Bestandssystemen und Plattformen gespeichert und ausgeführt werden, bilden die Grundlage für eine durchgängige Prozesskette. Durch die Integration einer auf Blockchain/DLT basierenden Plattform in bestehende Systemlandschaften werden Synergieeffekte zur Verbesserung und Abwicklung neuer und bestehender Geschäftsprozesse ermöglicht.

Wie kann eine auf Blockchain/DLT basierende Lösung funktionieren?

Im Falle einer Reiserücktritts- oder einer Reiseabbruchversicherung sind folgende Parteien an einem Schadensfall direkt und indirekt beteiligt: Die Versicherung und der Versicherungsnehmer – dies können Privatpersonen oder auch Firmen sein: Flug- und Eisenbahngesellschaften, Reedereien und Reiseveranstalter, Finanzinstitute und Banken sowie Ärzte, Hotels, Clubanlagen und Buchungsportale.

Die Prüfung aller vom Kunden eingereichter Dokumente, Daten und Informationen erfolgt bei den Versicherern zu großen Teilen manuell, da die beteiligten Parteien nicht durchgängig miteinander digital vernetzt sind. Der damit verbundene Aufwand ist mit langen Bearbeitungszeiten verbunden.

Durch den Einsatz einer Blockchain-/DLT-Plattform wird eine effiziente und transparente Prozess-, Daten- und Informationsbasis geschaffen, indem die jeweiligen Dienste und Fähigkeiten einzelner Parteien auch branchenübergreifend in dezentralen Wertschöpfungsnetzwerken miteinander verknüpft werden. Dies ermöglicht die Automatisierung von End-to-End-Dienstleistungen, sodass beispielsweise der Versicherer von der Schadensbearbeitung bis hin zur Reparatur des Wagens alle nötigen Schritte einleitet und seinem Kunden dadurch Zeit und Mühe erspart.

Hinzukommt, dass das Betrugsrisiko reduziert und die Bearbeitungszeit von mehreren Tagen oder Wochen auf nur wenige Stunden verkürzt wird. Dies senkt die Bearbeitungskosten und ermöglicht durch hohe Prozessautomatisierung eine schnelle Schadensregulierung selbst bei einem ungewöhnlich hohen Fallaufkommen.

Blockchain- und DL-Technologie für Versicherern 

In der heutigen Zeit müssen sich Versicherer mehr als bisher mit ihren Kunden und deren Bedürfnissen beschäftigen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, müssen sich die Versicherungsinstitute ein klares Bild ihrer eigenen Stärken und Schwächen machen und den Mut haben, sich neuen Partnern und Wettbewerbern zu öffnen. Der Einsatz von Distributed-Ledger-Technologien wie Blockchain kann dabei helfen, die Weichen zu stellen.

Der Aufbau, der Betrieb und die Integration einer Blockchain-/DLT-Plattform mit dazugehörigen Lösungen benötigt ein sehr gutes Governance Model und Change Management. Das Governance Model einer Blockchain-/DLT-Plattform wird von dem Betreiber vorgegeben, die

Prozessverantwortlichkeit ist wiederum von dem jeweiligen Geschäftsprozess und seinem Initiator abhängig. Demnach werden auch die Versicherer ihre Unternehmens- und Netzwerkkultur mittels des Change Managements anpassen müssen.

Die Herausforderungen für das Management, die der Betrieb einer Blockchain-/DLT-Plattform mit sich bringt, ist zum einen die Definition der zukünftigen Rolle der Versicherer und zum anderen die Vorbereitung von Unternehmen und Mitarbeitern auf die zukünftigen Geschäftsbedingungen und Arbeitsmethoden im Rahmen eines Change-Prozesses.

Der Markt für Blockchain-/DLT-Plattformen besteht aktuell aus fragmentierten Angeboten, die sich häufig überschneiden oder komplementär genutzt werden. Dies erschwert den Entscheidungsträgern die Auswahl richtiger Strategien. Eine weitere Herausforderung ist die technische Umsetzung in der Entwicklung und Integration von neuen Geschäftsmodellen und der Optimierung bestehender.

Um eine dezentrale Plattform aufzubauen, ist branchenspezifische Prozess-Expertise äußerst wichtig.

Die Wahl der passenden Plattform und deren Technologie ist ebenso entscheidend wie die Wahl der Beratungspartner. Diese sollten ein breites Wissen zum Branchen- und Technologiespektrum vorweisen.

Diese Beratungsleistungen erfolgen in der Regel von neutralen und unabhängigen Dienstleistern, die meist als Konsortialführer dieser Plattformen und Lösungen fungieren.

Plattformen, Frameworks und deren Teilnehmer

Heute gibt es eine Vielzahl an Blockchain-/DL-Technologien – sehr häufig sind sie als Open Source-Plattformen und Frameworks verfügbar.

Die Frameworks dieser DLT-Plattformen basieren mitunter auf der von dem Startup R3 entwickelten „CordaR3 Distributed Legder Platform“ wie auch auf dem vom Open Source Projekt Hyperledger entwickelten „Hyperledger Fabric Distributed Ledger Framework“ und werden auf Grund der Wahrung der Privatsphäre von Geschäftsdaten und Transaktionen bevorzugt in der Versicherungs- und Finanzbranche eingesetzt. Daneben existieren auch Blockchain-Plattformen, die beispielsweise auf der Ethereum-Technologie basieren und verstärkt bei der Speicherung und Verteilung von Assetdaten und Finanztransaktionen in unterschiedlichen Branchen Anwendung finden.

Aufbauend auf den unterschiedlichen Blockchain-/DL-Technologien existieren bereits fach- und branchenbezogene produktive Plattformen und Lösungen.

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Quelle: Eigene Dartstellung

In der Versicherungsbranche betreibt beispielsweise das Startup B3i.tech ein eigenes Produkt, das auf dem Distributed Ledger-Framework Corda R3 basiert. Dabei handelt es sich um eine Lösung für Rückversicherungsanträge für Sachkatastrophenüberschüsse (XoL). Bisher nutzen erfolgreich mehrere internationale Versicherer und deren Kunden diese Lösung.

Für Handelsgeschäfte in der Finanz- und Logistikbranche bieten verschiedene Anbieter Plattformen mit Branchenlösungen an, die auf unterschiedlichen DL-Technologien wie dem Corda R3 Framework und dem Hyperledger Fabric basieren. Zu den Teilnehmern gehören internationale Banken, Finanzinstitute als auch Versicherer.

Dokumente und Daten von realen Assets werden als sogenannte digitale Zwillinge auf der Basis der Blockchain-Technologie Ethereum für unterschiedliche Branchen bereitgestellt. Die Daten werden im Kontext von branchenabhängigen Geschäftsprozessen von den Teilnehmern und Parteien der Plattform genutzt.

Die Privatsphäre bei Transaktionen

Im Kontext von Geschäftsprozessen in der Versicherungs- und Finanzbranche ist es wichtig, die Transaktionsdaten vor unberechtigtem Zugriff zu schützen und so die Privatsphäre zu wahren.

Die Wahrung der Privatsphäre wird von dem Corda R3-Framework als auch von der Hyperledger Fabric gewährleistet – die Umsetzung ist jedoch unterschiedlich.

Ethereum dagegen besitzt kein direktes Konzept zum Schutz der Transaktionsdaten. Mit dem Open Source-Framework profitiert Ethereum jedoch von einer großen Entwicklergemeinde, die bereits ähnliche individuelle Konzepte zum Schutz der Privatsphäre entwickelt hat. Dadurch gilt Ethereum auch als Basis für individualisierte Blockchain-Lösungen.

So entstehen private und zugangsbeschränkte Versionen der Ethereum-Blockchain. Diese ermöglichen die Vertraulichkeit von transaktionsbezogenen Daten, indem sie nur den zugriffsberechtigten Transaktionsparteien, nicht aber dem gesamten Netzwerk zugänglich sind.

Fazit

Vertrauen, Sicherheit und Transparenz von Daten und Prozessen sind sowohl für Kunden und Firmen jeglicher Branchen als auch für die Allgemeinheit wichtige Faktoren.

In Krisen- und Katastrophenfällen zeigt sich, dass der Anspruch an Vertrauen und Transparenz im Allgemeinen steigt. Vor allem wenn Personen und Firmen ihre Existenzen in Gefahr sehen, werden vertrauensvolle Informationen sehr schnell benötigt.

Die Integration von Blockchain- und DLT-fähigen Lösungen in bestehenden Systemlandschaften und Anwendungsprozessen fördert nicht nur das Vertrauen, die Sicherheit und Transparenz durch eine schnelle und effektive Vernetzung von Daten, Prozessen und den beteiligten Parteien, sondern gewährleistet einen sicheren und stabilen Geschäftsablauf auch während schwieriger Krisen.

    Sarah Rentschler-Gerloff ist als Associate Partner Business Architect bei DXC Technology im Bereich Banking & Capital tätig. Sie bringt mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche im Bereich Digital Finance mit. Ihre einschlägigen Erfahrungen in der Blockchain- und Distributed Ledger Technologie kann Sarah auf bereits, mehrere erfolgreich umgesetzte DLT Projekte im Finanzbereich, zurückführen

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