Abschalten & Digital Detox – Ein Appell für mehr digitale Selbstbestimmung

Bedeutet digital unterwegs zu sein zwangsläufig auch, nie mehr den Stecker zu ziehen?

Wenn wir heute in einer Straßenbahn fahren, dann finden wir eines ziemlich selten: Menschen, die nicht auf ihr Smartphone schauen. Die Möglichkeit der Ablenkung, der Zufluchtnahme in der digitalen Welt, ist einfach zu verlockend. Es könnte ja etwas Wichtiges passiert sein, womöglich verpasse ich etwas, wenn ich nicht „always on“ bin. Selbst wenn die Gedanken eines Menschen nicht in diese am Rande des Pathologischen liegenden Regionen wandern, so ist es eben herrlich praktisch, dass wir durch die Digitalisierung viel „mal eben schnell“ erledigen können. Dass sich dadurch aber auch unsere Erwartungshaltungen massiv verändern und sich viele Menschen vollkommen unnötige Ungeduld erzeugen, wird dabei viel zu wenig beachtet. Deshalb heute ein Appell für mehr Selbstreflexion, Selbstbestimmung und  einen Digital Detox.

Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass mich der Umgang mit digitalen Tools und Kanälen schon seit dem Jahr 2012 intensiv beschäftigt, weshalb ich mich seitdem immer wieder mit der Frage befasse, „Wann ist es genug? Wann hat die digitale Welt Sendepause?“. Das ist eine legitime Frage, auch wenn wir uns hier auf MoreThanDigital.info befinden, denn es wäre in höchstem Maße vermessen, anzunehmen, dass man nicht ein großer Befürworter eines Kontextes sein kann, während nicht gleichermaßen dessen Limitierungen und potentielle Probleme wahrgenommen werden.

Wahrnehmen, was ich tue und wie ich mich digital verhalte

Es gab im Jahr 2008 eine vielbeachtete britische Studie, die nahelegte, dass schon damals eine erhebliche Zahl von Menschen (rund 50 Prozent) an der s.g. Nomophobie litten, der Angst vor der Abwesenheit ihres Smartphones, die sich tatsächlich in vegetativen Symptomen einer typischen Angstattacke niederschlägt: Schweißausbrüche, Zittern, Herzklopfen, Unwohlsein, Schwindel, Panik. Und das lediglich, wenn man das Smartphone (bzw. zu dieser Zeit hieß es noch Handy) vergessen hat oder es einem versuchsweise weggenommen wurde. In den Jahren 2012 und 2014 gab es weitere Studien, die noch höhere Zahlen belegten, insbesondere im Jahr 2014 wurde selbst in den Smartphone-Foren in Deutschland darüber berichtet.

Natürlich reagiert nicht jeder potentielle Nomophobie-Kandidat mit derart starken Symptomen, aber stellen wir uns nur einmal kurz vor, wie es sich anfühlt, wenn wir realisieren, dass das Smartphone noch auf dem Beistelltisch liegt, während wir schon 10 Minuten lang im Bus in Richtung Arbeit sitzen. Wie viele Menschen können sich von dem Gedanken frei machen, jetzt nicht auszurechnen, ob es sich lohnt, umzudrehen? Wir reden wohlgemerkt vom privaten Gerät, nicht vom Diensttelefon. Ganz sicher mehr als 50 Prozent der Arbeitnehmer, bei den Schülern sollte die Zahl jenseits der 80 Prozent liegen, zumindest im Teenager-Alter. So stark hat uns die digitale Welt, hat das Smartphone, uns in der Hand. Nicht umgekehrt.

Sich an dieser Stelle ertappt zu fühlen, ist an sich nicht weiter schlimm, denn es kann auch der Weg zur Besserung sein. Einsicht ist hierfür immer erforderlich. Aber wir müssen dafür erkennen, dass nicht jede Neuerung im Kontext Digitalisierung auch wirklich vorbehaltlos angenommen und angewandt werden sollte.

Nicht aus Bequemlichkeit zum Mitläufer werden

Hand aufs Herz – Bildschirmbenachrichtigungen sind bei Ihnen für alle Messenger aktiviert, oder? Damit Sie immer direkt mitbekommen, wenn „etwas Wichtiges“ passiert ist? Vielleicht darf Ihnen sogar der SPIEGEL oder die WELT Push-Benachrichtigungen senden, damit Ihr Gerät Sie benachrichtigt, wenn in China ein Sack Reis umgefallen ist? Sie erahnen vermutlich, worauf ich hinaus will, oder? Bloß weil uns die Smartphones den Konsum aller nur möglichen Benachrichtigungen automatisch vorschlagen, ist dies noch lange nicht richtig oder gar sinnvoll. Wer dies einmal selbstreflektiert betrachtet, kann hier mit Sicherheit 8 von 10 Apps die Berechtigung für Push problemlos entziehen, ohne an einem Informationsdefizit zu sterben.

Bloß weil die meisten Menschen in Ihrem Umfeld vermutlich (nach außen hin) nicht sonderlich reflektiert mit dem Nutzungsverhalten ihres Smartphones umgehen, brauchen Sie diesem Beispiel ja nicht zu folgen! Außerdem ergeben sich, spricht man dieses Thema einmal in einer Runde an, oft erstaunlich starke Gruppierungen von Mitstreitern, die sich schon viele Gedanken über die Smartphone-Nutzung gemacht haben und total dankbar sind, einen weiteren Verbündeten gefunden zu haben. Größer ist im Zweifelsfall aber immer die Gruppe der „Ich-würde-ja-auch-gern-ABER“, die im Konjunktiv davon sprechen, wie schön es wäre, wenn man nur etwas ändern könnte. Man kann. Dafür muss man aber.

Digital Detox – Abschalten macht Anschalten umso schöner

Auch das Smartphone ab und zu komplett abzuschalten, kann überaus heilsam sein. Mein Gerät liegt aktuell vier Zimmer von mir entfernt im Flugmodus auf der Kommode. Da hat es am Wochenende und nach Feierabend beinah ausschließlich seinen Platz, denn dort kann es mich nicht stören und ich lasse es ebenfalls in Ruhe. Wir beide haben uns damit gegenseitig arrangiert. Wenn man nach einer Zeit des Offline-Seins dann wieder in die digitale Welt einsteigt, gibt es so viel Schönes zu tun und man hat auch einmal mehr als nur zwei neue Benachrichtigungen auf Instagram oder XING. Unbeantwortete PN bei Facebook und LinkedIn? Na wunderbar! Offenbar findet jemand meine Inhalte spannend und möchte kommunizieren.

Was ich Ihnen nach all diesen Zeilen nun gern mit auf den Weg geben möchte: Geben Sie auf sich Acht! Die Digitalisierung hat viele wunderbare Vorzüge und wir sollten sie auch nutzen, dafür trete ich jeden Tag ein. Trotzdem entstehen die schönsten Momente des Lebens nur in den allerwenigsten Fällen dann, wenn wir auf unser Smartphone schauen. Das Leben findet im Hier und Jetzt statt, dort, wo Freunde, Familie und Kollegen sind. Die alte Dame aus dem Nachbarhaus, der Bäcker von gegenüber, der Briefträger – all jene Menschen sind real und hier und jetzt da. Das müssen wir wieder stärker wahrnehmen. Dann fällt auch der reflektierte Umgang mit den digitalen Tools und Kanälen leichter.

Die Vorteile von Digitalisierung und digitaler Transformation in Vertrieb und Marketing nutzbar machen - das ist die Mission von Sebastian Heithoff (*1986). Der motivierte Consultant mit 12 Jahren Versicherungs- und Marketing-Background leitet bei der auf Banken und Versicherungen spezialisierten Digitalagentur .dotkomm gesamtverantwortlich einen operativen Bereich.

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