Community Organizing: Mehrwert durch soziales Engagement 

Wie leite ich eine erfolgreiche Community? Ein Praxisbeispiel

Der Aufbau einer eigenen Community verspricht wahre Wunder: Kundenbindung, Echtzeit-Marketinganalyse und Brand Management alles mit nur einer Maßnahme. Aber zur erfolgreichen Performance gehört mehr als nur das Bereitstellen einer Plattform und die verkaufsfördernde Bespaßung der Kunden in Foren und Chat. Integratives Community Organizing kann Mitglieder durch aktive Teilhabe langfristig begeistern und sogar zur nachhaltigen Veränderung der Gesellschaft beitragen. Simone Belko sprach mit der Social Entrepreneurin Natalya Nepomnyashcha über ihre Dialog-Plattform „Netzwerk Chancen“.

„Netzwerk Chancen“ ist eine gemeinnützige Plattform, die sich an junge Erwachsene aus prekären Verhältnissen richtet. Warum ist eine Vernetzung für diese Zielgruppe sinnvoll?

Unser Programm “Netzwerk Chancen. Aufsteiger” vernetzt und stärkt junge Erwachsene zwischen 18-35 Jahren, die aus bildungsfernen oder finanzschwachen Familien kommen. Gerade diese jungen Menschen leiden häufig an einem Informationsdefizit, ihnen fehlt ein starkes Netzwerk und nicht selten Selbstbewusstsein. Das alles sind Faktoren, die für eine erfolgreiche Karriere unentbehrlich sind. Deshalb bieten wir ihnen Workshops – etwa zu Rhetorik oder Mindset -, Netzwerktreffen, unter anderem mit potentiellen Arbeitgebern, und Inspirational Talks mit berühmten Aufsteigern an. Derzeit fördern wir 200 Aufsteiger aus ganz Deutschland.

Das zweite Programm “Netzwerk Chancen. Dialog” hingegen vernetzt und stärkt zivilgesellschaftliche Organisationen der Kinder-, Jugendhilfe und Berufsbildung. Für sie bieten wir ebenfalls Workshops – etwa zu Fundraising oder Öffentlichkeitsarbeit -, Fokusgruppen und Diskussionsveranstaltungen an. Das Ziel ist es, sie zu stärken, damit sie ihre wertvolle Arbeit für benachteiligte Kinder und Jugendliche noch effektiver machen können. 

„Unser mehrgliedriges Schulsystem ist überholt, wir brauchen wesentlich längeres gemeinsames Lernen und mehr individuelle Förderung.“ Natalya Nepomnyashcha

Der Begriff Community Organizing stammt eigentlich aus der Gemeinwesenarbeit und steht für die Befähigung von Bewohnern durch konstruktiven Dialog. Sie bringen auf Ihrer Plattform Stakeholder aus Wissenschaft und Politik mit Mitgliedern zusammen. Welche Ergebnisse haben Sie bis jetzt dadurch erreicht?

Im Rahmen von “Netzwerk Chancen. Dialog” sind 24 zivilgesellschaftliche Organisationen Teil des Netzwerks. In verschiedenen Formaten haben wir sie nicht nur miteinander, sondern auch mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammengebracht. Gemeinsam haben wir praktikable Lösungen für mehr Chancengleichheit vom Kindergarten bis zum Berufseinstieg erarbeitet. Wir platzieren diese regelmäßig zu politischen Anlässen, etwa zu Koalitionsverhandlungen zur Bildung der letzten Bundesregierung. 

Die Leitung einer Community braucht eine klare Vision und eine Strategie zur Erreichung des Ziels. Was unterscheidet „Netzwerk Chancen“ von einer kommerziellen Community-Plattform?

Wir arbeiten alle komplett ehrenamtlich für das Projekt und bieten alle unsere Veranstaltungen komplett kostenlos an. Das ist dank Sachspenden wie Räumlichkeiten möglich, aber auch dank Geldspenden von vielen Privatmenschen und einigen Unternehmen.

Gab es eine persönliche Erfolgsgeschichte Ihrer Mitglieder, die Sie besonders bewegt hat?

Besonders berührend sind für mich die Geschichten von mehreren Mitgliedern, die eine Hauptschulempfehlung erhalten haben und es dann trotzdem an eine Universität geschafft haben. Davon gibt es einige und sie alle zeigen: Unser mehrgliedriges Schulsystem ist überholt, wir brauchen wesentlich längeres gemeinsames Lernen und mehr individuelle Förderung.

„Von Chancengleichheit sind wir in Deutschland ganz weit entfernt.“ Natalya Nepomnyashcha

Wie sieht ein typischer Tag im Leben eines Community Organizers aus? Mit welchen konkreten Maßnahmen steuern Sie und Ihr Team die Vernetzung?

Wir sind alle berufstätig in anderen Jobs, die meisten in Vollzeit. Deshalb gibt es keinen Alltag bei „Netzwerk Chancen“. Für eine ehrenamtlich geführte Organisation sind wir aber sehr schnell und professionell. Wir versuchen, Mails immer taggleich zu beantworten und haben einen sehr hohen Anspruch an die eigene Arbeit. Alle zwei Wochen gibt es Team-Treffen, dort planen wir die Aktivitäten für die nächsten 14 Tage, dazu gehören alle Maßnahmen aus den Bereichen Events, PR oder Public Affairs.

Welche Herausforderungen gab es bei der Gestaltung der Plattform? Worauf sind Sie besonders stolz und was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Eine NGO nebenberuflich und ehrenamtlich hochzuziehen ist natürlich eine Herausforderung für sich. Man muss gegen einige bürokratische Hürden ankämpfen, denn keiner gibt dir einen Bonus nur, weil du es ehrenamtlich machst. Besonders stolz bin ich darauf, dass wir als sehr professionell wahrgenommen werden und man uns nicht ansieht, dass ein Haufen junger Menschen das Projekt mal so nebenbei schmeißen. Von den Stakeholdern bekommen wir sehr positives Feedback für unsere Veranstaltungen, die als sehr hochwertig und richtungsweisend wahrgenommen werden.

Ich wünschte, wir hätten das Programm “Netzwerk Chancen. Aufsteiger” etwas früher gestartet. Wir haben nämlich mit “Netzwerk Chancen. Dialog” begonnen und uns erst nach 1,5 Jahren zugetraut, ein richtiges Förderprogramm aufzuziehen. Dabei ist der Bedarf tatsächlich riesig, denn von Chancengleichheit sind wir in Deutschland ganz weit entfernt. 

Natalya NepomnyashchaDie gebürtige Ukrainerin Natalya Nepomnyashcha ist Gründerin und Leiterin von Netzwerk Chancen in Berlin. Ohne jemals Abitur erworben zu haben, machte sie 2012 einen Masterabschluss in Großbritannien. Nach dem Studium der Internationalen Beziehungen war sie unter anderem für die Deutsch-Russische Young Leaders Konferenz, eHealth Africa sowie schoesslers tätig.

Die Sprach- und Europawissenschaftlerin Simone Belko interessiert sich für die Schnittstelle zwischen Industrie 4.0, Wissensgesellschaft und Politik. Ihre vielseitige Laufbahn führte sie als Croupier ins Kasino und als Journalistin, PR-Managerin und Sprachlektorin in internationale Redaktionen und Institutionen wie das Europäische Parlament. Als Projektleiterin in der Online Games Branche sammelte sie wertvolle Erfahrungen in der Software-Entwicklung und im Community Management.

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